oder warum Licht am hellsten in der Dunkelheit strahlt
Wer meine Artikel im EDA-Magazin schon eine Weile verfolgt, wird sich erinnern, dass ich bereits vor zwei Jahren über den häufig übersehenen und unterschätzten jüdischen Tag der Liebe, den Feiertag Tu B’Av, geschrieben habe. Und zwar tat ich dies nicht, wie der Name zunächst vermuten lässt, über Pralinen, Rom Coms und Rosen. Der Fokus meines damaligen Artikels lag vielmehr auf Selbstliebe, der Achtung vor der eigenen Person sowie auf Lashon Hara, welche nicht nur gegenüber anderen, sondern vor allem auch in der Beziehung zu sich selbst wichtig sind. Denn nein, Tu B’Av ist nicht die jüdische Version des Valentinstages, auch wenn er in Israel als Chag HaAhava bekannt ist und die angebotenen Blumen auf dem Mahane Yehuda Markt in Jerusalem kurz vor diesem Tag noch zahlreicher werden als sonst.
In meinem aktuellen Artikel soll nicht das Individuum, sondern das jüdisches Volk als Ganzes im Vordergrund stehen und das, was uns ausmacht.
Doch bevor ich dazu komme, werde ich zunächst einmal kurz die halachischen Grundlagen dieses Tages beleuchten. Diese dürfen nicht vernachlässigt werden, so viel bin ich unseren Leser*innen als ehemalige Vorsitzende des Religionsreferats der JSUD schuldig.
Tu B’Av wird vom 14. auf den 15. Av gefeiert und wird bereits in der Mischna als einer der freudigsten Tage des jüdischen Kalenders erwähnt. Laut Rabban Schimon ben Gamliel „gab es keine festlicheren Tage für das jüdische Volk als den 15. Av und Jom Kippur“ (Mischna Ta’anit 4:8). Nach dem Schulchan Aruch sind für Tu B’Av keine besonderen Mitzwot vorgesehen; lediglich das Tachanun, ein Bittgebet während des Schacharit und Mincha Gebets, wird ausgelassen. Mit dem Tag werden verschiedene historische Ereignisse verbunden, darunter der Beginn der Weinlese und das Ende des Eheverbots zwischen den Stämmen Israels, insbesondere mit dem Stamm Benjamin. Während der Zeit des Zweiten Tempels entwickelte sich Tu B’Av zu einem Tag der Begegnung, Verbindung und der Ehe: Unverheiratete Frauen tanzten in weißen Kleidern in den Weinbergen und konnten so wohl potenzielle Ehepartner kennenlernen.
Also eine Art Matchmaking Day? So sehr ich die berühmte jüdische Netflix-Matchmakerin Aleeza Ben Shalom auch schätze (ich hatte die Ehre, sie auf dem Jugendkongress 2025 in Hamburg kennenzulernen), auch darum soll es in meinem jetzigen Artikel nicht gehen, obwohl diese Thematik sicher einen eigenen Aufsatz wert wäre. Denn Tu B’Av steht nicht für sich allein. Seine besondere Bedeutung erschließt sich meiner Ansicht nach erst durch den Platz, den er im jüdischen Kalender einnimmt. Ist es nicht erstaunlich, dass einer der freudigsten Tage des jüdischen Kalenders nur wenige Tage nach dem mit Abstand traurigsten Tag des Jahres kommt?
Tisha B’Av, an dem sich zahlreiche Tragödien ereigneten, wie die Zerstörung des Ersten Tempels durch die Babylonier im Jahr 586 v. d. Z., die Zerstörung des Zweiten Tempels durch die Römer im Jahr 70 n. d. Z. oder die Vertreibung der Jüdinnen und Juden aus Spanien im Jahr 1492, deren Ausreiseaufforderung traditionell mit dem 9. Av verbunden wird, um nur einige davon zu nennen. Ein Tag voll unendlicher Trauer, an dem die Dunkelheit das Licht vermeintlich zu überwiegen scheint. Ein strenger Fasttag, an dem das Leid so erdrückend wirkt, dass die Hoffnung in weite Ferne rückt.
Ein Mitglied meiner Gemeinde hier in Jerusalem erzählte letzte Woche eine bewegende Geschichte: Er überlebte als kleiner Junge nur knapp ein Feuer in seinem Haus. Nachdem der erste Schock überwunden war, trauerte er monatelang seinen zahlreichen Spielsachen, den Fotoalben, Erinnerungsstücken und anderen für ihn unersetzbaren Dingen hinterher, die durch das Feuer zerstört worden waren. Doch als er letzten Schabbat vor uns stand und diese Rede hielt, beendete er sie nicht mit Wehmut, sondern mit einem Lächeln: „All die Gegenstände sind weg, aber ich, ja ich bin noch da!“ Er leitete zum bevorstehenden Tisha B’Av über und sagte: „Wir trauern um den Tempel, er ist nicht mehr da. Aber wir sind es!“
Ich habe nicht lange gebraucht, um weitere jüdische Stimmen zu finden, die genau diese Resilienz unterstreichen und deutlich machen, dass Hoffnung und Freude trotz schwerster Zeiten überdauern werden: „We will dance again.“ Ein Slogan, der kurz nach dem unfassbaren Massaker des 7. Oktober 2023 bekannt wurde und als Ausdruck der Hoffnung, des unbändigen Lebenswillens und des Widerstands gegen Terror und Verlust steht. Diese Haltung ist jedoch keine neue Reaktion auf ein einzelnes Ereignis. Sie zieht sich durch die jüdische Geschichte: Nicht das Vergessen des Leids, sondern die bewusste Entscheidung, ihm nicht das letzte Wort zu überlassen.
Es geht also nicht nur um das Gefühl, dass schon alles irgendwie besser werden wird., nicht darum, passiv auf bessere Zeiten zu warten. Es geht vielmehr darum, aktiv Licht in die Dunkelheit zu bringen, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und, so schwer es auch sein mag, die Freude wiederzufinden und wieder aufzustehen. Und das nicht allein, sondern gemeinsam.
WE will dance again.
Und um ein Zitat zu nennen, welches Rabbi Jonathan Sacks z“l zugeschrieben wird:
„Optimism is the belief that things will get better. Hope is the belief that together we can make things better.“
Uns allen gemeinsam – so unterschiedlich wir auch sein mögen – gelingt es, die Dunkelheit zu überwinden. Und das war schon immer so. Diese Idee spiegelt sich auch in einigen unserer Mitzwot wider, die kraftvoller werden, umso mehr Menschen sie erfüllen. Auch hierzu habe ich bereits einen Artikel verfasst: Die Entzündung der Schabbatkerzen oder Hafrashat Challah sind zwei Beispiele für solche Mitzwot.
Das Abtrennen eines Stücks der Challah wird heute häufig als besonders bedeutungsvolle spirituelle Praxis erlebt. In kabbalistischen und chassidischen Auslegungen wird dieser Mitzwa eine außergewöhnliche Kraft zugeschrieben, insbesondere dann, wenn viele Frauen sie zusammen erfüllen.
Wenn es sehr dunkel um uns wird und die Herausforderungen nicht enden wollen, ist es unerlässlich, vereint mit Licht zu antworten, zusammenzuhalten und als Gemeinschaft füreinander da zu sein. Oder, um es mit den Worten des Lubavitcher Rebbes Menachem Mendel Schneerson z“l zu sagen:
„A Little Light Dispels Much Darkness.“
Und wie ginge das besser als gemeinsam mit Jewish Joy und ordentlich Simcha am Tag der Liebe?
Tu B’Av Sameach und Am Israel Chai.
Eure Chiara Yocheved <3

von Chiara Lipp. Dieser Artikel wurde am 28.7. veröffentlicht.

