CSD Berlin, 2026

Tim Kurockin, JSUD Vorstandsmitglied

Wir haben uns intensiv auf diesen CSD vorbereitet. Als Fußgruppe liefen wir als JSUD gemeinsam mit Keshet Europe, begleitet von privater Sicherheit und zusätzlichem Polizeischutz. Natürlich haben wir im Vorfeld über mögliche Sicherheitsmaßnahmen gesprochen. Unser Fokus lag dabei jedoch eher auf einzelnen Störern oder Beleidigungen. Mit einem solchen Anschlag hat niemand gerechnet.

Der CSD ist für uns als queere jüdische Community enorm wichtig. Gerade in den letzten Jahren macht der steigende Antisemitismus auch vor progressiven und queeren Räumen keinen Halt. Vor allem seit dem 7. Oktober 2023 erfahren Jüdinnen*Juden massive Ausgrenzung. Sie verlieren zunehmend den Zugang zu eigentlichen Safer Spaces. Das mussten wir leider auch auf dieser Demo wieder erleben. Wir wurden für den Krieg in Nahost verantwortlich gemacht, mehrfach beleidigt und sogar physisch bedrängt. Gerade deshalb sind eigene queere, jüdische Räume und Organisationen für uns so unverzichtbar. 

Der Kampf um Akzeptanz findet nicht nur nach außen statt. Auch innerhalb der eigenen jüdischen Community haben wir noch immer viel mit Queerfeindlichkeit und Ausgrenzung zu kämpfen. Diese Räume geben uns den Rückhalt, den wir woanders oft nicht finden. Der Täter des gestrigen Anschlags handelte aus einem islamistischen Motiv. Es ist eine Ideologie, die sowohl jüdisches als auch queeres Leben vernichten möchte. Gerade deshalb ist es zutiefst absurd, was wir in den vergangenen Jahren beobachten mussten. In vielen progressiven Räumen wurde Islamismus massenhaft relativiert. Oft nur, um den Kampf gegen Israel oder gar die Ermordung von Jüdinnen und Juden zu rechtfertigen.

Gleichzeitig macht die Haltung der Bundesregierung Sorgen. Wir erleben, wie queerfeindliche Politik in Kauf genommen wird und parallel wichtige Präventivmaßnahmen gegen Radikalisierung weiter gekürzt werden.

Dieser Anschlag ist ein trauriger Weckruf und wir brauchen dringend ein politisches Umdenken gerade auch innerhalb unserer eigenen Communities. Wir müssen endlich ohne Wenn und Aber zusammenstehen gegen jede Form von menschenverachtender Ideologie.

Richard Ettinger, Leitender Redakteur von EDA:

Vor genau einer Woche haben wir das Release Event unserer aktuellen Ausgabe gefeiert. ‚Mimosas und Miteinader‘ stellte den klaren Charakter der Veranstaltung dar. Knallig, bunt, individuell – ein Miteinander für alle. Heute, genau eine Woche später, lesen wir in sämtlichen Gruppen: „Ich hoffe, ihr seid sicher!“  „Bitte meldet euch.“ Erschütternd, wie wieder dem stolzen, emanzipierten Zelebrieren des Lebens blanker Hass gegenüber steht. Wie sehr versucht wird, diejenigen einzuschüchtern, die friedlich einen Tag der Liebe feiern wollten. 

Wir grenzen uns ganz klar von einem konservativ-rechten Narrativ ab. Der zum jetzigen Stand vermutlich extremistische Hintergrund des Täters und die Tatsache, dass er der Polizei bereits bekannt war, zeigt eine deutliche Kontinuität, die jedem Sicherheitsgefühl entgegensteht. Das als „Westlich“ gesehene, wird verteufelt und soll extremistischen Vorstellungen weichen. 

Unser Release Event und der vergangene Woche stattgefundene Pride Shabbat von Keshet sind in einer partnerschaftlichen Collaboration zelebriert worden. Bei Eda erscheinen regelmäßig Artikel aus jüdisch-queeren Perspektiven, was die Notwendigkeit exemplarisch verdeutlicht queere und jüdische Identitäten sowie Diskriminierungserfahrungen zusammenzudenken.

Gerade in Zeiten wie diesen dürfen wir uns nicht spalten lassen. Wir stehen an der Seite aller Betroffenen und bekräftigen unsere Solidarität mit der LGBTQ+-Community sowie allen Menschen, die für ein friedliches, respektvolles und vielfältiges Miteinander eintreten.

Unser Mitgefühl gilt den Opfern, ihren Familien und Freund*innen. Wir werden jeder Form von Terrorismus, Hass und menschenfeindlicher Gewalt entschieden entgegentreten.

WIR DÜRFEN UNS NICHT EINSCHÜCHTERN LASSEN.