Menschen, die man liebt, zu misstrauen ist schlichtweg traurig, Punkt.
Mit Menschen, die ich liebe, meine ich Freund*innen und Beziehungspersonen. Es ist kein Misstrauen, weil ich glaube, dass sie mich nicht mögen, oder weil meine Partnerin mich betrügen könnte. Ganz im Gegenteil, ich liebe meinen Freundeskreis, eben weil wir eine sehr innige und ehrliche Beziehung haben und sie tolle Menschen sind.
Dennoch gibt es da diesen Aspekt meiner jüdischen Identität, der für Misstrauen sorgt. Werden meine Freunde für mich da sein, wenn es hart auf hart kommt? Für mich einstehen, wenn es aufgrund der AfD oder anderer politischer Entwicklungen unerträglich wird? Werden sie auf Demos mit selbst gebastelten Plakaten stehen und gegen Antisemitismus kämpfen? Traurigerweise kann ich diese Fragen nur mit einem schulterzuckenden „vielleicht“ beantworten. Gleiches gilt für romantische Beziehungen.
Kann ich diesen Menschen, die ich liebe, von meinen Ängsten erzählen? Eine Konsequenz meines Misstrauens ist, es nicht zu tun. Wenn ich etwas teile, dann höchstens in Humor verpackt, etwas, das ich zynisch als goi-friendly bezeichne. In letzter Zeit habe ich häufiger darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn ich aufgrund von Hasskriminalität ums Leben käme. Wie würde meine Beerdigung aussehen? Ich finde es erschreckend, wie viele Gedanken ich mir plötzlich über meinen Tod mache. Statt es genauso auszudrücken, verpackte ich es als: „Sollte ich gehatecrimed werden, will ich, dass du bei meiner Beerdigung If I Ruled the World von Nas spielst.“
Es ist die Angst, von Menschen, die ich liebe, als panischer Jude wahrgenommen zu werden. Es sind die Geschichten von meinem Opa aus Ungarn. Trotz Assimilation haben Bekannte und Freunde nicht geholfen. Es ist der langjährige Schulfreund, der mir am Ende unserer Schulzeit ins Gesicht sagt, dass es keinen Antisemitismus mehr gibt. Als hätte er das Mobbing nicht mitbekommen. Es ist die Situationship, die nicht für mich einsteht, und die Partnerin, die meine Ängste relativiert.
All diese Gründe bringen einen bedeutungsvollen Hauch von Misstrauen in alle meine zwischenmenschlichen Beziehungen. Sie erlauben es mir nicht, mich gänzlich fallen zu lassen. Um das zu ändern, gibt es zwei Möglichkeiten. Die erste scheint absurd: Die Menschen um einen herum müssten sich beweisen, indem sie auf Demos gehen und auf Social Media laut werden.
Die zweite und deutlich gesündere Option ist, an sich selbst zu arbeiten und zu lernen, den Menschen, mit denen man bereits eine innige Beziehung hat und die man weiterhin im Leben haben möchte, zu vertrauen. Ähnlich wie in gesunden romantischen Beziehungen, in denen wir Partner*innen erst einmal einen Vertrauensvorschuss geben und davon ausgehen, dass sie uns nicht betrügen, sollten wir davon ausgehen, dass, wenn es hart auf hart kommt, unsere Freund*innen für uns einstehen.
Diese Option schreit vor Banalität und dennoch bleibt uns in der Diaspora nichts anderes übrig.
von Jonathan Reti – Studiert im Master Economics. Dieser Artikel erschien zuerst in der 5. EDA-Ausgabe und online am 10.08.2026.

