Interview Kiril und Ronja
Kiril: Bildungsreferent und Vorstandsmitglied JSUD
Ronja: Vorstandssprecherin Ayande und Doktorandin in Literaturwissenschaften
Kiril: Liebe Ronja, wir arbeiten nun seit über einem Jahr aktiv daran, über unsere Verbände junge Jüdinnen und Juden und Menschen mit Iran-Bezug einander näher zu bringen. Welche Herausforderungen siehst du dabei?
Ronja: Die größte Herausforderung in jeder Zusammenarbeit mit anderen marginalisierten und migrantischen Gruppen sehe ich darin, Vertrauen zu etablieren. Unser Ziel ist es, dass unsere jeweiligen Verbandsmitglieder sich auf persönlicher Ebene austauschen können und unsere Zusammenarbeit nicht nur symbolischen Charakter hat. Dazu muss man bereit sein, aufeinander zuzugehen und das Gegenüber als Mensch kennenzulernen, ohne Vorannahmen über politische Haltungen oder Herkunftsgeschichten. Bei unserer gemeinsamen Shabe-Yalda-Chanukka-Advent-Feier im Dezember 2025 hat das gut funktioniert.
Kiril: Als Minderheiten und marginalisierte Gruppen in Deutschland haben beide Communities in den letzten drei Jahren schwierige Erfahrungen machen müssen, insbesondere Ereignisse wie den 07. Oktober 2023 oder die Kriegshandlungen zwischen Israel und Iran. Wo siehst du Überschneidungen in der emotionalen Erfahrung?
Ronja: Eine wichtige Überschneidung sehe ich darin, dass beide Communities in den letzten Jahren die Erfahrung machen mussten, dass zwar viel über sie geredet wird, aber es dabei nicht wirklich um sie geht. Unsere Identitäten werden zu Projektionsflächen verschiedener politischer Lager, wobei das eigene Mitspracherecht verloren geht – genauso wie der Sinn für Differenzierungen. Wir sind als Communities sehr heterogen, haben unterschiedliche Meinungen, Positionierungen und Geschichten. Den vereinfachenden, verbal brachialen Debatten in Deutschland ausgesetzt zu sein und sich gleichzeitig konkret um das Leben von Freund:innen oder Verwandten in Kriegsgebieten zu sorgen, löst eine große Hilflosigkeit aus. Diese Erfahrung teilen wir miteinander. Gleichzeitig habe ich beobachtet, dass insbesondere während der Massaker im Januar 2026 Teile der iranischen Diaspora ein Gefühl mangelnder Solidarität empfunden haben. Etwas, das viele Juden und Jüdinnen kennen.
Kiril: Wir als Verbände blieben solidarisch miteinander trotz der Schrecken zweier Kriege. Welche Chancen siehst du weiterhin in unserem empathischen Einsatz für- und miteinander?
Ronja: Für mich ist Empathie das Stichwort. Wenn wir miteinander im Gespräch bleiben und versuchen, die Erfahrung und Perspektiven der anderen genuin zu verstehen, anstatt uns auf unsere eigenen vermeintlichen Sicherheiten zu versteifen, ist das die beste Basis für nachhaltige Solidarität.
von Kiril Denisov – Bildungsreferent und Vorstandsmitglied JSUD. Dieser Text erschien erstmals in der 5. EDA-Ausgabe und am 17.07.26 online.

