Liebe Leser*innen,
ich glaube, dass wir uns etwas eingestehen sollten: Wir sind in einer Zeit angekommen, in der wir nach einem Begriff suchen müssen, der einen nicht mehr salonfähigen Zustand beschreiben kann. Und ja, liebe Leser*innen wir sprechen von Antisemitismus – andere von Hass getragene Ideologien werden nicht ausgeklammert. Genau diese Ideologien, die von schwarmartiger Zustimmung in sozialen Netzen übergehen in – aus Gedanken werden Worte werden Taten.
Ich möchte den Fokus etwas globaler fassen, da ich schreibend aus einem Auslandsmaster in Großbritannien einen direkten Vergleich ziehe. Trends sind nicht auf Grenzen beschränkt. Während in Deutschland Buchungen storniert werden: „Sorry, there are no Jews allowed in our Hotel“ hat Großbritannien nach dem Messerangriff in Londons Golders Green die nationale Bedrohungsstufe von „substantial“ zu „severe“ erhöht. Prognose: weitere Angriffe sind sehr wahrscheinlich. Antisemitismus in all seinen Farben und Formen dort wie auch bei uns in Deutschland.
Wir können die Liste fortsetzen und Beispiele aus Frankreich, Kanada und den USA nennen. Oder Australien: Das Land erlebte im Dezember den schwersten antisemitischen Terrorangriff in seiner Geschichte.
Eine Chanukka-Feier endete für 15 Besucher*innen mit dem Tod. Die Bilder gingen um die Welt. Der Strand, auf dem die alteingesessene Community das Lichterfest zelebrierte, stellt heute ein Mahnmal für diese grausame Tat dar.
Damals standen wir genau eine Woche vor der Veröffentlichung unserer Chanukka-Edition. Eine Ausgabe, mit der wir nach dem 7. Oktober und dessen Folgen wieder versuchten, Brücken zu schlagen. Wie geht man als junge Jüdinnen und Juden damit um? Wir versuchen, Bewusstsein für unsere Sorgen und Bedürfnisse zu kreieren und jungem jüdischen Leben den Platz einzuräumen, den es braucht. Jüdische Feste, das Tragen von Kippot oder jüdischen Symbolen gehören in Metropolen, die seit Jahrhunderten durch eine tiefe Verbindung zum Judentum geprägt sind. Wir wollen dazugehören und werden mit Bedrohung, Gewalt und Mord konfrontiert.
Mit dieser Ausgabe versuchen wir, ein weiteres Mal einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft zu wagen. Neben der Beilage in der Jüdischen Allgemeinen sind wir Dank der finanziellen Unterstützung von JewLif dieses Mal auch auf Campussen und in Jüdischen Gemeinden zu finden. Ich ziehe bald nach Berlin zurück, werde der ehrenamtlichen Arbeit weiterhin treu bleiben und mich bei Friedensinitiativen von Organisationen wie Tech2Peace und Dialogue Perspectives engagieren. Es gibt viel zu tun, allen voran die JSUD macht es vor – packen wir’s an!
von Richard Ettinger – Chefredakteur von EDA. Dieser Text erschien erstmals in der 5. EDA-Ausgabe und am 13.07.26 online.

