In der neuen Graphic Novel von Eliora Notowicz bilden jüdische Familiengeschichten den Einstiegspunkt in eine Welt zwischen den Zeilen. Nach zwei vorausgegangenen Arbeiten, in denen sie den Kampf ihrer Urgroßmutter in einer Widerstandsgruppe nachverfolgt und schmerzlich Generationskonflikte ausgelotet hat, folgen wir nun der dritten Generation. Ein Tag im Leben einer jüdischen Studentin in Brüssel wird zur fantasievollen Reise durch eine durchwühlte emotionale Landschaft, die von einem Wunsch nach Verbindung gezeichnet ist. Es ist eine besondere Art Coming-of-Age-Story, die besonders durch ihre Form das Sich-Fremdfühlen spürbar macht.

Die Graphic Novel liest sich aber vor allem als Akt der Selbstermächtigung. Ganz im Sinne der Kunstform schenkt Eliora in ihren Traumräumen den Lesenden Mut. Nicht zuletzt durch den drolligen Protagonisten der Geschichte finden bei Eliora Zartheit und Wärme wortlos Einklang in die düstere Bildsprache. In Zeiten, in denen die Luft an den Universitäten für jüdische Studierende zunehmend dünner wird, gewährt die Geschichte trotz allem denjenigen Raum zum Atmen, die ihn im echten Leben nicht finden. Oder in den Worten der Künstlerin: “Für alle, für die Leisen und die Lauten schreibe und zeichne ich diese Geschichte. Auch für all jene, die unsere Allies sind und nicht zuletzt für die Menschen, die mutig genug sind, ihre Perspektive zu erweitern, Komplexität zuzulassen und berührt zu werden”.

Das Projekt entstand als Abschlussarbeit im Master Visual Storytelling an der Sint Lucas School of Arts in Brüssel.


Dieser Text erschien erstmals in der 5. EDA-Ausgabe und am 31.08.26 online.

