„Wir“ bleiben, was „wir“ sind ?

Als jüdische Erstakademikerin kenne ich das Gefühl, der eigenen Herkunft entkommen zu wollen, während mein Herz an ihr hängt. Nicht weil ich elitär geworden wäre, sondern weil Bildung soziale Ungleichheit nicht beseitigt. Es bleibt das Gefühl, zwischen Arbeiter-, akademischer und jüdischer Welt nirgends ganz dazuzugehören.

Zweifellos schaffen jüdische Traditionen, Migrations- und Diskriminierungserfahrungen kollektive Verbundenheit. Gleichzeitig ist diese Fokusverschiebung auf gemeinsame Potenziale und Herausforderungen verschiedener Identitäten problematisch: Wo Gemeinschaftsgefühle „Klassenunterschiede“ verdecken, bleiben soziale Missstände, auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaften, bestehen.

Dabei geht klassistische Diskriminierung nicht allein von politischen oder religiösen Institutionen aus: Europaweit bleiben Promovierende aus Nichtakademikerfamilien eine Randgruppe. Auch jüdische Diskurse werden damit überwiegend von Personen geprägt, die – mit Bourdieu gesprochen – über „ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital“ verfügen. So verdankt auch „die“ jüdische Arbeiterschaft dem Engagement ihrer „Bourgeoisie“, dass sie heute ihre Arbeitskraft und Identität „verkaufen“ kann. Allerdings erfährt dieses Empowerment offensichtlich wenig Wertschätzung: 

Vor allem historisch bürgerlich-rechten Parteien gelingt es zunehmend, die einst sozialdemokratisch geprägte Arbeiteridentität politisch zu vereinnahmen. Auch in Deutschland erzielt die AfD trotz ausgrenzender Sozialpolitik überdurchschnittliche Zustimmung in Teilen der Arbeiter- und unteren Mittelschicht.

Viele Intellektuelle versuchen, diesem Radikalisierungstrend mit niedrigschwelliger Bildungsarbeit entgegenzuwirken. Doch einfache Sprache ist nicht automatisch demokratischer – akademische Sprache nicht zwangsläufig elitistisch. Vielmehr führen verschiedene Interessen sozialer Gruppen zu antagonistischen Präferenzen: Für viele Erstakademiker*innen ist Fachjargon eine erarbeitete Voraussetzung gesellschaftlicher Teilhabe. Die „public philosophies“ etablierter Akademiker*innen – also praxisorientierte Theorien, die sich gezielt an eine breite Öffentlichkeit richten – erzeugen zwar Nähe zum Volk, stärken damit jedoch unweigerlich ihre eigene  institutionelle Machtposition.

„Du bleibst, was du bist“ gilt folglich nicht nur für Arbeiterkinder: Auch Akademikerkinder drohen die Klassenlogik zu reproduzieren, die sie politisch kritisieren. Selbst „wir“ Erstakademiker*innen entgehen dieser Versuchung nicht. Denn das von rechts instrumentalisierte Volk-Elite-Denken lebt von Vereinfachungen: Es ersetzt soziale Fragen durch die identitätspolitische Frage nach Zugehörigkeit.

Dennoch bricht die Existenz jüdischer Sozialaufsteiger*innen nicht nur mit dem antisemitischen Ressentiment der angeblich von Haus aus „einflussreichen, gebildeten Juden“. Wer sich zwischen verschiedenen Milieus bewegt, erfährt, dass Konfliktlinien nicht einfach zwischen Minderheiten und Mehrheit verlaufen. Sie bestehen vielmehr zwischen denen, die von Ungleichheit profitieren, und denen, die ihre Folgen tragen. Diese Perspektive kann Bildungsarbeit, auch jüdische, demokratisieren.

von Rebecca Rose Mitzner, Leitung für Bildung und Wissenschaft bei JEWLIF. Dieser Artikel erschien erstmals in der 5. EDA-Ausgabe und am 05.08.2026 online.

JEWLIF (Jüdisches Leben in Europa e. V.) macht jüdische Perspektiven sichtbar und stärkt zivilgesellschaftliches Engagement. Die gemeinnützige Organisation fördert internationale Vernetzung und setzt gemeinsam mit Akteur*innen aus Wissenschaft, Kultur, Medien und Zivilgesellschaft Impulse für ein demokratisches Europa. Als Dialogplattform verfolgt JEWLIF einen positiven, gesamtgesellschaftlichen Ansatz: Im Zentrum stehen die Förderung von Organisationen, Initiativen und Projekten, die jüdisches Leben in Europa nahbar machen, Antisemitismus und Diskriminierung bekämpfen sowie soziale Teilhabe fördern.