Kochi, wo sind Eure Juden?

Vor dem Wohnhaus der letzten Jüdin im südindischen Kochi steht heute eine
Skulptur einer Kufija, in die „coexistence“ eingelassen wurde. Im Innenhof wurden für die Installation „Foundations“ der palästinensischen Künstlerin
Dima Srouji Gräber ausgehoben. Der Wandtext sieht in ihnen einen Ausdruck „kolonialer Kontinuitäten“, die „über den Oktober“ hinaus bestünden. Viel Israelkritik, doch von den sechshundert Jahren jüdischen Lebens in Kochi erfährt man hingegen nichts.

Auch auf der zeitgleich stattfindenden Kochi-Muziris-Biennale keine Spur von jüdischer Geschichte. Ein von der Biennale kommissioniertes Graffito am Eingang einer Ausstellung zeigt sogar das Wort „Genozid“ in Coca-Cola-Schriftart inmitten von Abbildungen historischer Massaker und Völkermorden. Von der Vernichtung indigener Gesellschaften bis zum Völkermord an den Jesiden. Nur der Holocaust fehlt.

Indien brüstet sich gerne damit, jüdisches Leben zweitausend Jahre lang geschützt zu haben. Doch wer jüdische Geschichte nur dann erzählt, wenn sie in die eigene Toleranzerzählung passt, leistet keinen Beitrag zu jüdischem Leben in der Gegenwart. Das zeigt sich auch in der Art des Kuratierens rund um Dima Srouji, die sich nicht nur einen jüdischen Ort für eine Grabinstallation aneignet, sondern unter der Chiffre „Koexistenz“ einen einseitigen Diskurs befeuert, statt zu verbinden.

Srouji selbst ist eine wichtige Stimme für Demokratie in Israel und den Palästinensischen Gebieten und schreibt unter anderem für das linke Magazin
+972. In einem Interview beschreibt sie das „Heilige Land“ schlicht als ihr Zuhause – „im Guten wie im Schlechten“. Diese Komplexität hätte die Biennale
aushalten müssen. Stattdessen schreibt der Ausstellungskatalog ihren Werken Kampfbegriffe zu, die die Künstlerin selbst nie benutzt.

Die Biennale verpasst damit die Chance auf echten Dialog und wird dem jüdischen Erbe ihrer Gastgeberstadt nicht gerecht. Die meisten der einst zweitausend Kochi-Juden wanderten nach der Staatsgründung Israels aus – aus zionistischer Überzeugung, aber auch aus pragmatischen Gründen. Während jüdisches Leben in Kerala schwand, entstand in Israel eine Renaissance der Kochi-jüdischen Gemeinschaft.

Dass die Biennale jüdische Gegenwart auch anders zeigen könnte, bewies sie 2017 mit Arbeiten des israelischen Künstlers Meydad Eliyahu über seine Kochi-jüdischen Vorfahren. Gerade heute, wo jüdische Kunst boykottiert wird, hätte Kochi seine einzigartige jüdische Geschichte nutzen können, um jüdisches Leben sichtbar zu machen. Stattdessen bleibt am Ende vor allem die Frage: Kochi, wo sind eure Juden?

von Sydney Noemi Stein

Dieser Text erschien erstmals in der 5. EDA-Ausgabe und am 03.08.26 online.