Keine Angst oder ängstlich über die Brücke? – Eine solidarische Kritik an Keine Angst von Danger Dan

Als ich an einem Donnerstagabend vor paar Wochen Instagram öffnete, war das Erste, was ich sah, ein Post von Danger Dan und Igor Levit. Sie beschrieben darin, wie sie eigentlich bei der Aufzeichnung der Kabarett-Sendung Die Anstalt das neue Lied Keine Angst aufführen sollten. Die ZDF-Intendanz sagte das im letzten Moment ab. Laut dem Post lag der Text dem ZDF allerdings „schon seit Wochen vor, und auch der hauseigene Justiziar hatte […] schon grünes Licht gegeben“.1 Das ZDF veröffentlichte daraufhin ebenfalls auf Instagram einen Post, der die Ausladung damit rechtfertige, „dass der Text des Liedes als Anleitung zum politischen Extremismus verstanden werden kann“.2 Daraufhin entbrannte eine öffentliche Debatte in verschiedenen Zeitungen, ob die Ausladung zu rechtfertigen sei und wie der Inhalt dieses Liedes einzuschätzen ist. In dem Song macht Danger Dan nämlich Vorschläge, wie gegen Nazis und Faschist*innen vorgegangen werden könnte. Während aber alle über Kunstfreiheit, politische Gewalt, Zensur und den Kampf gegen Faschismus diskutieren, geht meiner Meinung nach ein anderer Aspekt des Liedes unter. Und zwar die Thematisierung von Angst.

Dabei ist der Begriff Titelgebend für den Song und das gleichnamige Album von Danger Dan, welches am 02.10. erscheint. Der Refrain besteht nur aus einer mantraartigen Wiederholung der Worte „Keine Angst“. Insgesamt werden diese 49-mal gesungen. Ich halte es deswegen für wichtig darüber nachzudenken, was mit „Keine Angst“ gemeint ist und inwiefern das tatsächlich ein guter Ratgeber für emanzipatorischen Aktivismus sein kann. An dieser Stelle setzt meine solidarische Kritik an.

Danger Dan scheint „Keine Angst“ auf zwei Arten zu meinen. Zum einen sollen die Hörer*innen keine Angst haben, die konkreten Vorschläge des Songs umzusetzen. Zum anderen sollen sie keine Angst davor haben, dass die faschistische Zukunft unausweichlich und alles schon verloren ist. In beiden Fällen erscheint Angst als eine negative Emotion, die der Emanzipation und dem Aktivismus im Weg steht und deswegen weggeschoben und verdrängt gehört. Doch, meiner Meinung nach, hat die Einteilung von Emotionen in politisch liebsam und unliebsam ein autoritäres Element. Es ist eine Bewertung von Gefühlen anhand ihrer Effizienz bei der Bekämpfung von Faschist*innen. Das ist genauso eine Unterordnung innerer Regungen unter das Leistungsprinzip, wie wenn es die Leitungsperson eines Unternehmens von ihren Angestellten verlangt. Du darfst hier nicht traurig sein, weil du die Aufgaben nicht schaffst, du darfst nicht wütend sein, weil das die Kund*innen vergrault und du darfst halt keine Angst haben, weil du sonst nicht antifaschistische Arbeit verrichten kannst.

Dabei ist diese Forderung, wenn man sie ernst nimmt, absurd. Natürlich haben Menschen Angst, vor allem marginalisierte Menschen vor dem erstarken rechter Kräfte. Wie sonst lassen sich die zahlreichen Gespräche nach dem besten Fluchtort erklären. Diese Angst ist total berechtigt. Und auch Danger Dan wird Angst haben, sonst müsste er sie nicht 49-mal von sich wegschieben. Manche Zeilen in dem Lied lassen sich gar nicht anders erklären, als damit, dass das, was er vorschlägt, berechtigt Angst machen kann. So zum Beispiel: „Schon am ersten Tag, wenn ihr die Party macht // Besteht die Möglichkeit, dass es vor der Türe kracht“. Also, dass die lokalen Nazis eine Party zum Geldeinnehmen gewaltsam angreifen könnten. Die Frage ist also: Wie mit dieser Angst umgehen?

Darauf habe ich keine Antwort. Ich bin auch nicht vermessen genug, halböffentlich generalisierte Tipps zur Umgangsweise mit seinen Gefühlen auszuteilen. Aber ich möchte die emanzipatorischen Potentiale von Angst hervorheben. Nicht weil ich glaube, dass Angst so toll ist und nur positive Effekte hat. Auch nicht, weil ich glaube, dass Angst politisch nicht auch für schlechte Sachen ausgenutzt wird und schon gar nicht, weil ich glaube, dass wir Gefühle nach ihrer Verwertbarkeit unterteilen müssen. Vielmehr glaube ich, dass Angst in ihrer Ambivalenz und Komplexität verstanden werden muss.

Angst kann motivieren. Wer Angst vor dem Erstarken rechtsextremer Kräfte hat, kann das als Anlass nehmen, sich dagegen zu engagieren. Wahrscheinlich spielt Angst, neben anderen Emotionen, bei vielen Aktivist*innen eine zentrale Rolle, weshalb die aktuelle Situation als unaushaltbar angesehen wird und einer Veränderung bedarf. Angst kann also für die einzelne Person so etwas wie ein Früherkennungssystem sein: „Hier läuft etwas falsch!“ Und diese Erkenntnis kann zu Engagement führen.

Angst kann davor schützen, die Differenz zwischen Individuum und Kollektiv aufzugeben. So spielt beim Ablegen einer Mutprobe Angst eine doppelte Rolle. Einerseits die Angst, ausgeschlossen zu werden, wenn man nicht mitmacht. Andererseits führt Angst auch zum Zögern. Dieser Moment des Zauderns vor der Mutprobe ist eine Rückbesinnung aufs Ich und eine Distanzierung vom Kollektiv. Dieser kurze Moment des „sich nicht gleich Machens“, des „nicht Anpassens“ an das dominante Äußere, von dem man doch abhängt, kann in Reflexion das Selbst gegenüber der Gruppe stärken. So kann das reflektierte Individuum in verschiedene Gruppen eingebunden sein, ohne sich diesen unterzuordnen oder gar für das Kollektiv selbst auszulöschen. Politisch bedeutet das, dass eine Person gefeiter davor ist, sich im Faschismus dem „Volk“ hinzugeben.3

Angst verweist auf die Hoffnung, dass sie eines Tages mal obsolet sein kann. Eine emanzipierte Gesellschaft wäre eine, in der „man ohne Angst verschieden sein kann“4. Wer die Angst wegdrückt, klebt, bildlich gesprochen, die Risse, durch die diese Utopie unverwirklicht zu uns durchscheint. So wird das bestehende Unrecht zementiert, anstatt an seiner Überwindung zu arbeiten. Wenn wir, trotz guter Gründe, keine Angst haben, worauf arbeiten wir dann hin? Angst und Hoffnung sind wie Angst und Handeln, keine Widersprüche, sondern bedingen sich gegenseitig.

Übrigens habe ich ein ähnliches Unbehagen bei Kol Ha’Olam Kulo, obwohl ich dieses Lied eigentlich sehr mag. Übersetzt heißt der Text des Liedes „Die ganze Welt ist eine sehr schmale Brücke // und das Wichtigste ist, überhaupt keine Angst zu haben“. Auch hier frage ich mich immer: Warum soll ich keine Angst haben? Rabbinerin Angela Buchdahl sagt dazu: „We’re living in extremely frightening times […] The original […] is not to not fear anything. It’s actually […] to not bring fear upon yourself. […] We need to fight the things that are true dangers. We also need to not create fears that create a reality that don’t [sic] yet exist […] Walk that narrow bridge one step at a time […] Create the better world we all need to see”.5

Diese Antwort räumt nicht alle meine Bedenken aus dem Weg, aber sie ermöglicht es zumindest Kol Ha’Olam Kulo aus einer anderen Perspektive zu verstehen. Es geht nicht darum, keine Angst zu haben, sondern, wie oben beschrieben, die tatsächliche Angst als Motivation zur Überquerung der Brücke zu nutzen und eine Welt zu schaffen, in der wir keine Angst mehr haben müssen.

Die ambivalente Sicht auf Angst hätte ich mir auch von Danger Dans Song gewünscht. Stattdessen reduziert er Angst lediglich auf das Lähmungsgefühl und eine rechtsextreme Agitationspraxis. Dabei hätte ich den Song emotional stärker gefunden, wenn er Angst ernst nehmen und sie besprechbar machen würde, anstatt diese einfach zu verdrängen.

von Marcel Fortus

Der Beitrag wurde am 03.08.26 veröffentlicht.

  1. https://www.instagram.com/dangerdanmusik/p/Da2sDnrtQta/ ↩︎
  2. https://www.instagram.com/p/Da8pkEQiKYQ/ ↩︎
  3. Genauso ist es gefeilter davor sich in autoritär-linken Ideen, die sich je nach Theorieströmung, in einem homogenen Massen-, teilweise Klassen oder sogar Volksbegriff zu verlieren. ↩︎
  4. Adorno 1951: Minima Moralia. Reflexionen aus dem Beschädigten Leben, Nr. 66 ↩︎
  5. Unholy Podcast 2025: IDF enters Gaza City, Super Sparta and Reflections for the new year with Rabbi Angela Buchdahl, 54:26, https://youtu.be/B2BofINE4pw?t=3266; Auf ihre Antwort folgt eine sehr schöne Darbietung des Liedes; ↩︎