Es ist langweilig, so zu tun, als könne Antisemitismus einfach aus der Welt geschafft werden. Als müssten wir nur die richtige Aufklärungsarbeit leisten, die richtigen Narrative setzen und dann wäre es vorbei.
Und trotzdem exponieren sich viele von uns. Machen genau diese Arbeit, mit all den Konsequenzen, die das mit sich bringt.
Und trotzdem ist für Jüdinnen und Juden ein Ende in Sicht.
Noch nie waren Gespräche darüber, das Land zu verlassen, präsenter. Nicht ob, sondern wann.
Auswanderung wird ein immer größeres Thema werden. Das größte existenzgefährdende Problem für das Überleben der jüdischen Community in Deutschland bleibt allerdings der demografische Wandel innerhalb der jüdischen Gemeinschaft.
Während im Jahr 2006 noch 107.000 Menschen Mitglieder jüdischer Gemeinden waren, waren es im Jahr 2024 nur noch 89.000 (ZWST-Mitgliederstatistik 2024).
Die nächsten Jahre versprechen keine Besserung. Die Altersverteilung in den Gemeinden ist eine erschreckend steile Kurve. Während es im Alter von 0 bis 10 Jahren 4.668 Gemeindemitglieder gibt, sind es im Alter von 71 bis 80 Jahren 15.737.
Und politisch? Wir haben einfach akzeptiert, dass Gemeinden sterben werden. Wir ergreifen keine Maßnahmen, bleiben exklusiv und schließen viele Menschen aus, die genauso von Antisemitismus betroffen sind.
Hier geht es nicht um halachische Fragen, sondern darum, wer auf Machanot mitfahren darf und wer nicht. Menschen, die nicht nur von der Mehrheitsgesellschaft im Stich gelassen werden, wie wir alle in den vergangenen Jahren, sondern auch von der eigenen Community.
Alte Menschen betrifft das Gemeindesterben natürlich weit weniger als junge. Und so lässt sich auch erklären, warum Ressourcen überproportional in Angebote für Senior:innen fließen. Warum Gemeinden sich an ihre Bedürfnisse anpassen und dabei völlig verpassen, attraktiv für junge Menschen zu werden.
Und das ist nachvollziehbar. Denn ältere Menschen entscheiden durch die demografischen Gegebenheiten die Gemeindewahlen. Also versucht man, vor allem diese Zielgruppe zufriedenzustellen.
Es ist wie bei der Rentendebatte. Alle sehen das Problem, aber niemand handelt, weil die politischen Kosten, sich gegen den größten Teil der Wählerschaft zu stellen, zu hoch wären. Nur dass es bei uns um das Überleben geht. Und darum, auch in Zukunft noch eine präsente jüdische Stimme in einem Land zu haben, das zunehmend unattraktiver für jüdisches Leben wird.
Schaut man sich die Vorstände der größten Gemeinden Deutschlands an, sieht man auch dort einen Altersdurchschnitt, der Sorge bereitet.
Niemand wird uns den Weg freiräumen. Das ist ähnlich wie bei den Kontingentgeflüchteten in den 90er Jahren. Wenn wir unsere Gemeinden mitgestalten wollen, dann müssen wir das selbst tun.
Junge Jüdinnen und Juden müssen in Entscheidungspositionen, um die Community so zukunftsfähig zu gestalten, dass jüdische Zukunft in diesem Land bestehen kann.
Lasst euch für die Gemeindevorstände aufstellen!
von Ron Dekel, Präsident der JSUD
Dieser Text erschien erstmals in der 5. EDA-Ausgabe und am 29.07.26 online.

