Weiß und Woke oida

Anstrengende Andere im Anmarsch in die Stadt.
Immerhin irgendwohin,
oder dortgeblieben von Beginn?
Gibt halt keine Alternativen zur alternativsten.
Scheinbar wird hier alles divers geschrieben,
die Andersartigkeit dennoch erschreckend gleich geblieben.

Du bestellst den Multi-Kulti-Bildungsmix.
Ausverkauft. Für dich gibt’s wohl nix.
Schaust dich verunsichert um,
hier läuft doch so viel Angebot herum.
Missverstanden fühlst du dich,
nimmst schnell white saviorism vom Tisch.
Versuchst dich damit zu erden,
so willst du nicht wahrgenommen werden.
Soll ich dich daran erinnern, dass ich Jüdin
bin? Ergibt’s für dich überhaupt Sinn?
Ist der Zusammenhang dann da?
Oder bleibt es für dich weiterhin unklar?
Versteckt und weniger offensichtlich,
zählt’s dann als Marginalisierung noch richtig?
Du brauchst hier und da einen Denkanstoß,
vielleicht spendest du mir dann doch mal etwas Trost.
Ein kleiner Stupser, der dich erinnert, dass ich doch, vielleicht, eventuell,
ein klein bisschen weniger hell.
Mit blondem Haar und weißer Haut
seh ich aber aus wie eine “Zionisten-Braut”.

Du wünschst dir kulturelle Transparenz,
ist leider niemandes Kernkompetenz.
Um deine rassistischen Blind-Spot-Wunden flicken zu können,
sollen sie dir halt ihr Trauma gönnen.
Deine Blindheit hat blutige Krater in deine Wokeness gekratzt,
hast du bisher nur so halb erfasst.
Wie die Ein-Nagel-lackierten-Feministen-Macker, allwissend
und selbstbewusst Pfützen gi(e)ßend.
Stellst du mir versehentlich ein Bein,
trittst ganz unbeholfen auf mich ein.

Das Menü der Individualität bietet immer die gleichen Sorten,
richtet sich nur an auserwählte Horden.
Ich schlendere nicht mehr durch diese Stadt,
die linke Szene hat für mich kein’ Platz.
Denn die bittere Wahrheit meiner Identität,
konfrontiert euch mit der Realität:
Euer Safer Space ist inklusiv verkleidet
doch mit selektivem Humanismus gezeichnet.

von JAËL LICHTENBERGER, Studentin der Soziologie & Englische Literatur und Sprache

Dieser Text erschien zuerst in der EDA III (September 2025).