Seit vor einigen Jahren das Buzzword kulturelle Aneignung populär wurde, wurde ich immer mal wieder gefragt, was ich davon halte. Ob das Tragen einer Kippa, der Gebrauch von jiddischen Wörtern oder das Kochen alter jüdischer Rezepte nicht auch problematisch sei, wenn die Person selbst nicht jüdisch ist.Ich habe das praktisch immer verneint. Zwar gibt es immer mal wieder seltsame Begegnungen mit meist christlich motivierten Philosemiten, aber der Begriff der kulturellen Aneignung wirkte da nie passend. Trotzdem haben mich diese Unterhaltungen nachdenken lassen. Denn es gab wirklich ein Unbehagen, das ich mit Formen der Aneignung hatte. Aber diese Aneignung war keinesfalls kultureller Natur.
Nein, diese Aneignung, von der ich hier schreiben möchte, ist vor allem politischer Natur: Es geht um die Aneignung von jüdischer Leidensgeschichte und jüdischem Widerstand. Immer wieder, wenn ich auf Demos gehe oder mich auf aktivistischen Social Media Accounts umschaue, sehe ich Verweise und Rückgriffe auf jüdische Befreiungskämpfe, Slogans, Vordenker und jüdische Revolutionäre. Emma Goldmann, Rosa Luxemburg, Erich Mühsam, Walter Benjamin, Erich Fromm, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer werden in linken Kreisen verehrt. Auch hört man immer wieder den Slogan „Until we are all free, non of us are free“ ein Ruf nach kollektiver Befreiung und Aufforderung zur Solidarität. Er stammt von der jüdisch-amerikanischen Poetin Emma Lazarus, die auf den Antisemitismus ihrer Zeit aufmerksam machen wollte. Aber er drückt noch so viel mehr aus. Ein Wunsch nach kollektiver Befreiung, nach Solidarität und für Gerechtigkeit. Ein Ausdruck zutiefst universeller Werte. Das teilt sie mit vielen anderen jüdischen Intellektuellen, Künstlern, Philosophen und Revolutionären.
Auch der Slogan „Nie Wieder“ ist heute so häufig zu hören wie kaum zuvor. „Nie wieder Krieg, Nie wieder Faschismus, Nie wieder Auschwitz“ – das sind Versprechen, die in der Erinnerungskultur immer wieder beschworen werden. Sie sind die Quintessenz der Lehre aus der Schoa. Nach dem 7.10. hat sich diese Losung verändert. An diesem Tag wurde das größte Massaker an Jüdinnen und Juden seit der Schoa angerichtet und es markiert den Beginn einer immer noch anhaltenden Welle des Antisemitismus – weltweit. Aus „Nie Wieder“ wurde „Nie Wieder ist jetzt“ – ein Aufruf, das Versprechen zu halten, ein Aufruf zur Solidarität mit Jüdinnen und Juden und ein Aufruf zum Handeln.
Es dauerte nur ein paar Wochen, da wurde dieser Satz auf bürgerlichen Anti-AfD Demonstrationen aufgegriffen. Man warnte vor einer Wiederkehr des Faschismus in Deutschland. Ein guter Zweck in dessen Kontext dieser Spruch doch auch erstmal Sinn ergibt. Die AfD mit ihren Forderungen, Äußerungen und Skandalen steht einer universalistischen Weltanschauung diametral entgegen. Die Menge an Verstrickungen mit handfesten Neo-Nazis, die Verschwörungserzählungen während Corona und ihr unverhohlener Geschichtsrevisionismus zeigen, dass diese Partei eine Gefahr für Juden und JüdInnen darstellt. Nur leider gab es auf diesen Demonstrationen, die von Tausenden besucht wurden, für jüdische Stimmen doch nur selten Platz. Der 7. Oktober und der Krieg in Gaza wurden explizit ausgeklammert. Die Angst, dass diese Demonstrationen von dem Thema vereinnahmt werden, war durchaus berechtigt. Und damit spielte Antisemitismus nur im Kontext der AfD eine Rolle, wenn überhaupt. Die antizionistische Spielart des Antisemitismus konnte nicht thematisiert werden. So wurde sich der Slogan „Nie Wieder ist jetzt“ von wiedergutgewordenen Deutschen angeeignet, die aller Welt beweisen wollten, dass sie besser als ihre Vorfahren seien. Jede Verbindung zum Ursprung des Slogans oder jüdischen Perspektiven wurde losgelöst.
Es ist doch auffällig, wie viele Menschen wegen einer Recherche auf die Straße gehen, die einfach nur belegt, dass Rechte das machen wollen, was sie auch sagen, dass sie machen wollen. Während das größte Massaker an Juden und JüdInnen nur einen Bruchteil dessen auf die Straße treibt und auch nach wenigen Wochen aus dem Bewusstsein der Deutschen verschwindet. Es zeigt sich, dass es bei dem Gedenken und Versprechen, das in diesem Land so sehr exerziert wird, keineswegs um die Opfer der NS-Verbrechen geht. Es sind die Befindlichkeiten eines neuen deutschen Selbstverständnisses, das sich jetzt beweisen muss. Man stehe jetzt unter Druck zu beweisen, „…es besser zu machen, als die eigenen Großeltern.“ Ein paar Spruchbilder gegen Rechts im WhatsApp Status teilen und Spazierengehen auf Großdemos, dann ist das Bedürfnis nach „Aufarbeitung“ durch versöhnlichen Gratismut gedeckt. Und die Frage nach der Schuld in der eigenen Familiengeschichte wirkt gar nicht mehr so dringend. Die Gefahrenlage für uns Betroffene bleibt jedoch. Laute, selbstbewusste und wehrhafte Juden und JüdInnen hingegen passen nicht in das Bild der Deutschen, die Juden nur aus Geschichtsbüchern kennen. Besonders wenn nicht die etablierten Selbst- und Feindbilder reproduziert werden, wenn Antisemitismus auch in der Mitte, Links oder aus der muslimischen Gemeinschaft thematisiert wird. Da bleibt es einfacher nicht zuzuhören und sich der eigenen moralischen Überlegenheit zu versichern, schließlich habe man ja aus der Geschichte gelernt. Und da die Deutschen als „Erinnerungsweltmeister“ vorbildhaft ihre Geschichte nun bewältigt haben, darf man dann auch der Welt zeigen, wie man „Nie Wieder“ richtig macht. Allen voran dem jüdischen Staat.
Die Umdeutung „Nie Wieder für Alle“ setzt so dem ganzen noch die Krone auf. Auf den ersten Blick wirkt auch diese Forderung universalistisch, hat es doch kein Volk der Welt verdient, das durchmachen zu müssen, was Juden und JüdInnen im Nationalsozialismus erleiden mussten. Eine Feststellung die jeder, bis auf offene Neo-Nazis und Antisemiten, auch so unterschreiben würden. Also, wo ist jetzt das Problem mit diesem Spruch? „Nie Wieder für Alle“ ist das „All Lives Matter“ der antizionistischen Bewegung. Unter Berufung auf einen Pseudouniversalismus soll die partikulare Leidenserfahrung unsichtbar gemacht ,wenn nicht gar ausgelöscht werden. Inflationäre Vergleiche mit dem Nationalsozialismus sind nun leider keine Neuigkeit. Egal ob Querdenker mit Ungeimpft-Stern, „gecancelte“ Bands wie Frei.Wild, radikale Veganer oder postkoloniale Theoretiker. Die Verbrechen der Nationalsozialisten sind zum Goldstandard der Messung jeder gefühlten oder echten Ungerechtigkeit geworden. So als ob die Deutungshoheit über den Holocaust für jeden frei zur Verfügung stehe. Das ist wenig verwunderlich, wenn man bedenkt, wie viele Menschen Juden und JüdInnen unterstellen, wir würden Profit aus unserem Leid durch die Schoa schlagen. Da ist es kein weiter Sprung dazu, dass diese Leute auch ein Stück von diesem Kuchen abhaben wollen. Aber in diesem Fall ist es leider natürlich nicht nur das. „Nie wieder für Alle“ wird vor allem von Menschen beschworen, die in Israel die neuen Nazis und in den Palästinensern die neuen Juden sehen. Eine Täter-Opfer Umkehr, die sich perfekt für Schuldabwehr eignet und Israel dämonisiert. An dieser Phrase können wir beobachten, wie dieser Pseudouniversalismus gegen die unterstellte partikulare Position der Juden und JüdInnen gerichtet wird. Es ist also auch ein Angriff auf die Singularität der Schoa wie wir sie auch im Zuge des Historikerstreits 2.0 beobachten können. Diese ständige Gleichsetzung mit unserem tiefsitzenden intergenerationalen Trauma dient hierbei als Waffe gegen Juden und JüdInnen. Ein paar Beispiele für dieses Phänomen lässt sich in der Instrumentalisierung und Verdrehung jüdischer Widerstandsgeschichte sehen, die dazu dient, den heutigen Antisemitischen Terror zu legitimieren. So haben es sich zig pro-palästinische AktivistInnen nicht nehmen lassen, immer wieder den 7. Oktober mit dem Aufstand im Warschauer Ghetto zu vergleichen oder Gaza gar als Konzentrationslager zu bezeichnen. Auch der furchtbare Mordanschlag auf Sarah Milgrim und Yaron Lischinsky in Washington DC wurde von der Gruppe „Handala Leipzig“ mit der Tat von Herschel Grynszpan verglichen. Dieser hatte am 7 November 1938 aus Verzweiflung über die Lage seiner Familie in NS-Deutschland den NS-Diplomaten Ernst von Rath erschossen. Diese Attacke wurde als Vorwand genommen, um die darauffolgenden November Pogrome zu rechtfertigen. Dass die Gleichsetzungen Israels mit dem NS Regime, trotz rechter Fehlleitungen in der Israelischen Regierung, absurd ist, sollte ich hier nicht erklären müssen. Sie entbehren jeglicher Grundlage, sind aber nicht nur Diffamierungen, sondern zielen auch auf das jüdische Trauma ab, um emotionales Leid zu verursachen, unsere Wahrnehmung zu untergraben und so wie jede Form der Holocaust Relativierung die Geschichte für sich und gegen uns zu vereinnahmen. Damit diese Dreistigkeit nicht zu schnell auffliegt, braucht es einen performativen Mantel des Humanismus.
Jener Pseudouniversalismus funktioniert gerade so gut, weil er an die integrative Wirkung des Antisemitismus anknüpfen kann. Der Hass, nicht auf das Eigene oder das Fremde, sondern auf das ungreifbare Dritte, ist wie ein Superkleber, der nicht nur Gemeinschaften und Nationen zusammenhalten kann, sondern auch die sonderbarsten Allianzen ermöglicht. Daher ist er oft das Mittel der Wahl, das eine Querfront ermöglicht. Die pathische Projektion allen Übels der Welt auf Juden, ist nicht nur ein Mittel um Identität zu stiften, sondern es wirkt auch zutiefst befriedend nach innen. Widersprüche und die dadurch entstehenden Konflikte können so ausgelagert werden. Daher können Antisemiten erstaunlich harmonisch oder harmoniebedürftig wirken, bis es um „die Juden“ geht. Jeder, der auf einer Party mit einem Hippie schon mal über „die Rothschilds“ diskutiert hat, weiß vermutlich, was ich meine. Auch die beschworene Lumbung Gemeinschaft auf der Documenta 15 drängt sich hier als Beispiel auf. Oder wie auf dem Al-Quds Tag Nazis, Islamisten und Linke gemeinsam demonstrieren können, ohne sich aneinander zu stören. Judenhass macht es möglich. Kein Wunder also, dass Juden und JüdInnen in diesem Weltbild so sehr dämonisiert werden, dass sie quasi nicht mehr menschlich sind. Schon Hitler sah in Juden nicht nur als Feinde der Deutschen, sondern als die Feinde der Menschheit. Und so können Antisemiten ein Zusammenrücken der Menschheit predigen und gleichzeitig Juden und JüdInnen davon exkludieren. Ihnen sind bisher so viele auf den Leim gegangen, dass Judenhass im humanistischen Mantel zum vorherrschenden Deutungsmuster im linken Diskurs um Israel geworden ist. Wen wundert es da, dass Antisemitismus in intersektionalen Vorstellungen kaum bis gar keinen Platz hat. Zwar wird auch hier immer wieder jüdisches Leid performativ benannt, aber anstatt Antisemitismus zu begreifen, wird es in einem postmodernen Geschwurbel um Macht und Sprache aufgelöst, während man weiterhin von „zionist jewish-supramacy“ spricht und von genozidalen Erlösungsfantasien träumt.
Dieser Pseudouniversalismus wird natürlich seinem Anspruch nicht gerecht und ist in seinen Formen einem radikalen Relativismus bei weitem näher als irgendeiner emanzipatorischen Idee. Das scheint erstmal offensichtlich, aber dieses Problem beschränkt sich nicht nur auf ein Paar randständige Aktivisten mit wirren Ideen, sondern stellt ein Problem für weite Teile all jener, die an sich einen universalistischen oder aufgeklärten Anspruch haben. Das jüdische Leid der Schoa war Anstoß für viele universalistische Errungenschaften des zwanzigsten Jahrhunderts: Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte, das Deutsche Grundgesetz, die Genfer Flüchtlingskonvention, der Tatbestand des Genozids im Internationalen Recht und viele weitere. Trotz all dem muss man feststellen, dass Menschenrechtsorganisationen, Nothilfe-NGOs und die Vereinten Nationen zutiefst selektiv sind, diese universellen Standards unproportional auf Israel, den einzigen jüdischen Staat, anzuwenden. Die unmenschlichen Verbrechen des 7.10. wurden entweder ignoriert oder sogar gerechtfertigt. Die universalistischen Standards, die einst mit dem Versprechen „Nie Wieder“ eingesetzt wurden, werden nun gegen Juden und JüdInnen als Waffe in Stellung gebracht und gleichzeitig hintergangen.
Ich möchte hierl klar machen, dass es mir hier nicht darum geht, mögliche Kriegsverbrechen Israel zu relativieren oder zu rechtfertigen. Wenn diese dokumentiert und nachgewiesen werden, müssen diese klar juristisch verfolgt werden. Es geht hier jedoch um ein Ungleichgewicht, das zu tiefst antisemitisch motiviert ist. Auch hier wird sich auf jüdisches Leid berufen, daraus ein scheinbar universelles Gut gemacht, das dann aber nicht auf Juden und JüdInnen angewendet wird. Stattdessen wird es als juristische und rhetorische Waffe gegen jüdische Selbstbestimmung und jüdischen Selbstschutz gerichtet. Es ist Teil einer Diskursverschiebung, die vor allem auf die „Entnormalisierung“ oder eher Problematisierung Israels abzielt. Nicht der Regierung oder der Kriegsführung, sondern der gesamten Existenz.
Der Fehlschluss Antisemitismus als eine Art von Rassismus misszuverstehen und Juden gleichzeitig eine „Weißwerdung“ zu unterstellen ist näher daran Antisemitismus komplett zu leugnen als ihn ansatzweise zu greifen. Die existenzielle Bedrohungslage für Juden und JüdInnen muss aktiv ausgeblendet werden. Die partikularen Eigenheiten des Phänomens werden dabei natürlich nicht mal ansatzweise beachtet. So kann jeder Vernichtungswille, jedes Verbrechen, ob in Israel oder in der Diaspora als Widerstand geframed werden, solange er sich auch nur vage auf Israel bezieht. Da man nicht mal in der Lage ist, das inhärente Streben nach Auslöschung allen „Jüdischen“ zu sehen. Ein echter Universalismus, muss diese antisemitischen Mechanismen begreifen und das Verhältnis zwischen jüdischem Partikularismus und Universalismus dialektisch verstehen. Eigenheiten und partikulare Phänomene müssen erkannt werden, ohne dabei universelle Ansprüche aufzugeben und in einer Beliebigkeit aufzugehen. Jede einseitige Auflösung dieses Widerspruches ist verdammt in Relativismus oder Pseudouniversalismus zu verfallen.
Wer für sich den Anspruch erhebt, für die Rechte aller Menschen einzustehen, muss sich auch an diesem Standard messen lassen. Aber wenn euer „Universalismus“ uns ausschließt und ihr den daraus resultierenden Partikularismus uns auch noch zum Vorwurf macht. Und ihr auch noch die Dreistigkeit besitzt unsere Geschichte als Waffe gegen uns zu richten, dann offenbart ihr nicht nur eure eigene Heuchlerei. Nein ihr offenbart auch eure innere Menschenfeindlichkeit, gehüllt in ein Halstuch der vorgegaukelten Humanität und des falschen Universalismus.
von Jeol Nakan

