„Na’aseh V’Nishma“ – Eine kurze Inspiration zu Shavuot zwischen Europa und Israel

An Shavuot feiern wir den Empfang unserer Tora am Berg Sinai. Besonders fasziniert mich hierbei der Satz „Na’aseh V‘Nishma“, also „Wir werden tun und wir werden hören“. Das jüdische Volk sagte damit zunächst Ja zur Verantwortung und zum Handeln und erst danach zum vollständigen Verstehen. Gerade heute ist dieses Konzept noch sehr aktuell, auch im europäischen Kontext.

Europa versteht sich oft als Raum, der Menschenwürde, gegenseitige Verantwortung und Solidarität priorisiert. Viele dieser Werte stehen auch im Zentrum der jüdischen Tradition wie beispielsweise im Rahmen des Konzeptes von Tikkun Olam. Shavuot erinnert daran, dass Religion nicht nur aus Glauben und Lernen besteht, sondern aus unserem aktiven Handeln im Alltag. Wie wir mit anderen Menschen umgehen, wie wir Verantwortung übernehmen und unsere Werte leben und einbringen. Für mich verbindet Shavuot deshalb religiöse Spiritualität mit gesellschaftlicher Verantwortung, die sich unter anderem durch den Erhalt der Tora und die Beziehung mit haShem ergibt. Die Tora bleibt nicht im religiösen Raum, sondern begleitet und strukturiert das tägliche Leben und den Umgang miteinander.

Dieses Jahr werde ich Shavuot zum ersten Mal in Israel verbringen. In Deutschland habe ich Shavuot vor allem innerhalb meiner Gemeinde erlebt. In einem geschützten, fast privaten Raum voller Lernen, gemeinsamen Mahlzeiten und langen Gesprächen in der Synagoge. Hier in Israel fühlt es sich schon während den Vorbereitungen ganz anders an. Das Fest ist plötzlich im öffentlichen Raum sichtbar und bleibt nicht hinter der Synagogentüre. Diese Offenheit und Selbstverständlichkeit berühren mich sehr. Sie lassen mich Shavuot noch intensiver erleben und erinnern mich vor allem daran, dass jüdische Werte nicht nur in die Synagoge gehören, sondern ein selbstverständlicher Teil unseres Alltags sein sollten und dass wir sie mit Stolz leben dürfen, egal ob in Tallinn, Stuttgart, Montpellier oder Jerusalem.

Chag Shavuot Sameach!

Von Chiara Lipp, Doktorandin im Bereich Mehrsprachigkeit an der Hebrew University Jerusalem. Dieser Text erschien erstmals in der 5. EDA-Ausgabe und am 24.08.26 online.