Stell dir vor, du gehst durch einen Innenhof. Die Mauern, die Fenster, der Boden unter deinen Füßen – alles trägt Spuren dessen, was hier einmal geschehen ist. Manche dieser Geschichten sind noch sichtbar, andere liegen im Verborgenen.
Der größte sozialistische Gemeindebau Wiens: Kündigungsgrund „Nicht-Arier“. Wie groß war der Widerstand in Österreich und Deutschland wirklich? Die Antwort überrascht viele. Nur 0,1 Prozent der Bevölkerung in Deutschland und 0,4 Prozent in Österreich stellten sich aktiv gegen das NS-Regime.
Der Sandleitenhof im 16. Wiener Gemeindebezirk, 1924 im „Roten Wien“ errichtet, war damals einer der größten Gemeindebauten Europas. Hier lebten viele jüdische Bewohnerinnen und Bewohner, deren Spuren im Krieg weitgehend ausgelöscht wurden. Zu den wenigen, die sich widersetzten, gehörte eine Jugendgruppe aus dem Sandleitenhof. Sie trafen sich im Verborgenen, halfen Verfolgten bei der Flucht und gingen dabei erhebliche persönliche Risiken ein.
Mit diesem Spaziergang erinnern wir nicht nur an jene, die Widerstand leisteten. Wir halten auch das Andenken an die jüdischen Nachbarinnen und Nachbarn wach, die hier lebten, arbeiteten und das Viertel prägten. Ihre Namen und Geschichten dürfen nicht vergessen werden.
Ich lade dich ein, mich auf einem Kulturspaziergang durch den Sandleitenhof zu begleiten. Er ist Teil meines künstlerischen Forschungsprojekts und wird im Rahmen einer Ausstellung gezeigt. Gemeinsam besuchen wir Orte, an denen Geschichte sichtbar bleibt, und solche, an denen sie zum Verschwinden gebracht werden sollte. Wir sprechen über Biografien, die von Ausgrenzung, Verlust und den schwierigen Entscheidungen erzählen, die Menschen unter diktatorischen Verhältnissen treffen mussten.
Dieses Projekt verdeutlicht, dass Antisemitismus in einer demokratischen Gesellschaft keinen Platz haben darf. Es zeigt auch, dass Zivilcourage in jeder Lebenssituation möglich ist und dass grundlegende Werte selbst dann verteidigt werden müssen, wenn es unbequem oder gefährlich wird. Historische Dokumente, Fotografien und persönliche Erinnerungen verweben sich zu einem Gesamtbild, das nicht nur informiert, sondern auch berührt und zum Nachdenken anregt.
von Angelika Ginsburg, Genderstudiesstudentin
Dieser Text erschien zuerst in der EDA III (September 2025).

