Das Sinnbild des Friedens ist eine einzelne weiße Taube. Für mich steht sie nicht für Frieden. Viel mehr dafür, dass Menschen stetig Unwissenheit reproduzieren.
Frieden, Reinheit und Hoffnung
Picasso schuf 1949 die Friedenstaube. Zwar verstärkt die minimalistische Zeichnung jenes Gefühl der Reinheit, aber Picasso selbst hätte wohl kaum entfernter von einer derartigen „Unbeflecktheit“ sein können. Da reicht es schon aus, wenn man nur kurz betrachtet, wie er (seine) Frauen und Kinder be- bzw. misshandelt hat.2
„Lachend sagte er, Tauben seien habgierige und streitsüchtige Vögel, er verstünde nicht, wieso sie Friedenssymbole werden konnten“3. Zwar hat Picasso selbst Tauben geliebt und auch viele besessen, so hat er dennoch vergessen zu erwähnen, was eine einzelne Taube in der Realität tatsächlich bedeutet.
Denn diese hochgeschätzte Friedenstaube wird nur aus dem Blick der Menschen betrachtet. Man schaut ihr sehnsüchtig hinterher und hofft darauf, dass ihre Unschuld Güte mit sich bringt. Dass sie ihre Liebe wieder finden wird. Dass sie den Zweig mit sich trägt, der noch fehlt, um das Nest der Sicherheit und die Brücke der Harmonie fertigzustellen. Es wird ignoriert, dass sie alleine ist. Getrennt von ihrer lebenswichtigen Partnerschaft. Umherirrend, rastlos, verzweifelt. Vermutlich voller Angst und Wut.
Wenn wir das erkennen, wird klar: Unser Bild von Frieden ist kein Frieden, sondern Trauma. Eine Suche, eine Hoffnung. Es zeigt, wie unerreichbar Frieden bleibt. Wie unwahrscheinlich. Wie Menschen eigenhändig das Taubenpaar zerrissen haben. Spaltung geschaffen haben. Wie sie idealisieren, romantisieren, simplifizieren. Wie sie sehnsüchtig auf etwas blicken, was nie erreicht werden kann, wenn sie nicht ernsthaft anfangen zu hinterfragen, was sie wirklich sehen. Dass Polarisierung und Kategorisierung nur ausgedachte und ständig reproduzierte Eigenschaften sind. Dass blinde Reproduktion die stärkste Argumentationsbasis bildet:
Dass es für die meisten reicht, dass andere vor ihnen genauso gedacht haben. Dass es stimmen muss, wenn es nur lang genug in der Gesellschaft verankert ist. Dass Wiederholungen, Traditionen, Likes und Reposts das Maß sind, an dem Legitimation gemessen wird. Fakten werden durch Quantität ersetzt. Der Verstand wird abhängig von Zahlen.
Doch was bedeuten diese Zahlen überhaupt?
Die Erde existiert seit 4,6 Mrd. Jahren. Nur 300.000 Jahre davon gibt es Menschen. Da ist sie. Die Relation. 300.000 klingt plötzlich nach sehr wenig. Wenn Zahlen nur auf einem Bauchgefühl beruhen, sind Fakten unbrauchbar. „Andere Menschen denken“1… nicht, wenn Gedanken nur oft genug wiederholt wurden. Eine Wiederholung, eine Zahl, ein Gefühl. Individuell und unsicher. Obwohl Vertrauen verschwindet, bleibt Hoffnung.
Hoffnung? Die Hoffnung, dass die weiße Taube ihre/n Partner/in einfach so auf gut Glück wieder finden wird?
Was fehlt? Verantwortung. Warum wurde das Taubenpaar überhaupt zerrissen?
Wir schauen verblendet in die Zukunft und hoffen auf Besserung. Gedankenlos darüber, warum die Gegenwart so grausam ist. Blind gegenüber unserer Mitverantwortung. Blicken sehnsüchtig zur Taube in den Himmel hinauf und hoffen, dass irgendwann schon alles gut wird. Irgendwie da so im Himmel. Das können wir leider nicht beeinflussen. Da kommen wir nicht dran. Zu groß, zu distanziert, zu abstrakt. Deswegen ist alles, was bleibt, eine passive Hoffnung. Das ist aber eine Lüge!
Wir können nicht einzig auf den Willen setzen, an den Glauben, ans Gute, an Hoffnung und Träume. Seit wann beschäftigt sich Politik mit Träumen? Träume sind Märchen. Das hier ist eine Absage an desillusionierten Idealismus.
Ich will ein neues Symbol für Frieden. Nicht eine einzelne Taube, sondern ein Taubenpaar. Eine weiße, eine schwarze, eine graue und eine mit nur einem Flügel. Vielleicht sogar eine Taube und eine Krähe. Warum nicht? Krähen sind auch toll. Ein diverses Taubenkollektiv. Ganz egal, Hauptsache gemeinsam. Tauben, die (wieder)zueinander gefunden haben. Ich will sehen, dass es einen Weg gibt, sich wiederzufinden, wieder zueinander zu finden. Ich will auf keine traurige, stille, einsame Taube blicken und mir wünschen, dass sie zurück nach Hause findet.
Ich will Ergebnisse sehen. Ich will Vereinigung. Ich will Frieden. JETZT!!!
Jetzt ende ich diesen Text mit dem, was ich vorher kritisiere. Der Aufruf nach Frieden klingt plakativ- Eine leere Parole. Wunschdenken.
Was bedeutet denn Frieden überhaupt?
In der nächsten Ausgabe meiner Kolumne setze ich mich tiefer mit den Begriffen: Frieden, Revolution und Gleichheit auseinander. Seid gespannt, ich habe sogar eine Formel aufgeschrieben.
1 andere Menschen denken – gorki Theater
2 Francois Gilot- Die Frau die Nein sagt von Malte Herwig
3https://artinwords.de/picasso-frieden-freiheit-und-die-erfindung-der-friedens
von Jaël Lichtenberger
Dieser Text erschien zuerst in der 4. EDA Ausgabe ( Chanukka Edition Dezember 2025).

