Das Judentum in der Islamischen Republik Iran

Zwischen formaler Anerkennung, struktureller Unterordnung und Antizionismus

Die Feindschaft zwischen der Islamischen Republik Iran und dem Staat Israel besteht seit der Islamischen Revolution von 1979 und ist ein zentrales Element der iranischen Außen- und Ideologiepolitik. Israel gilt aus Sicht der iranischen Führung als illegitimer Staat und neben den USA, als Erzfeind. Umso überraschender – und für viele widersprüchlich – erscheint es, dass im Iran heute noch etwa 9.000 Juden leben und sie nach Israel weiterhin die zweitgrößte jüdische Gemeinde in Westasien bilden. Die meisten Jüdinnen und Juden leben in Teheran. Dort existieren bis heute fünf jüdische Privatschulen, mehrere koschere Restaurants, ein von Juden betriebenes Krankenhaus sowie 13 aktive Synagogen.

Das Judentum im Iran blickt auf eine mehrere tausend Jahre alte Geschichte zurück. Im Persischen existieren drei Hauptbezeichnungen für Juden: Yahudi, die als neutral gilt; Juhud, die abwertend und beleidigend ist; sowie Kalimi, die respektvollste Bezeichnung. Letztere leitet sich vom koranischen Beinamen Moses’, Kalim-Allah („der mit Gott Sprechende“), ab. Die Kalimier gelten demnach als die Anhänger Moses’. Bereits lange vor der Islamischen Revolution waren jüdische Gemeinden wiederholt Diskriminierungen und Phasen der Verfolgung ausgesetzt.

Besonders prägend war die Zeit des safavidischen Reiches (16.–18. Jahrhundert), in der ein spezifisches Verständnis des schiitischen Islams institutionalisiert wurde. Hierzu gehörte die Unterscheidung zwischen „rein“ (tahir) und „unrein“ (najis). Die religiöse Zugehörigkeit fungierte dabei als maßgebliches Unterscheidungsmerkmal: Muslime galten als rein, während Nichtmuslime – also auch Juden – als unrein betrachtet wurden.

Diese zugeschriebene metaphysische „Unreinheit“, die auch christliche Armenier betraf, führte zu gesellschaftlicher Segregation und weitreichenden sozialen Konsequenzen. Juden durften beispielsweise keine Lebensmittel auf Märkten berühren, die muslimische Mehrheitsbevölkerung hielt physischen Abstand, und private Beziehungen zu Juden galten als unerwünscht. Diese religiös begründete Segregation aus der Zeit des safavidischen Reiches hinterließ tiefe Spuren in der Kultur und Mentalität der iranischen Gesellschaft und wirkte teilweise auch während der Pahlavi-Ära fort. Dennoch stellte die Islamische Revolution von 1979 einen besonders einschneidenden Wendepunkt im Leben der jüdischen Gemeinschaft dar.

Vor der Revolution lebten schätzungsweise rund 100.000 Juden im Iran. Mit der Etablierung der Islamischen Republik und der ideologischen Neuausrichtung des Staates setzte eine massive Abwanderung ein. Die enge Verknüpfung nationaler Identität mit dem schiitischen Islam erschwerte jüdischen Iranern die gesellschaftliche Zugehörigkeit erheblich. Zwar war ein Verbleib nicht unmöglich, jedoch mit zunehmenden Einschränkungen verbunden. Die jüdische Bevölkerung schrumpfte auf weniger als ein Zehntel ihrer ursprünglichen Größe.

Rechtlicher Status von Juden und Jüdinnen

Die iranische Verfassung bekennt sich ausdrücklich zum schiitischen Islam als identitätsstiftendes Fundament von Staat und Gesellschaft. Gleichzeitig erkennt Grundsatz 13 der iranischen Verfassung Juden und Jüdinnen als eine der offiziell anerkannten religiösen Minderheiten an. Ihnen wird die Ausübung religiöser Pflichten „im Rahmen des Gesetzes“ gestattet. Zudem dürfen Fragen des Personenstands sowie der religiösen Erziehung nach den jeweiligen religiösen Normen geregelt werden. Im Unterschied zu den Bahai gilt die jüdische Gemeinde damit als legitime Religionsgemeinschaft.

Darüber hinaus garantiert Grundsatz 67 der Verfassung den Abgeordneten religiöser Minderheiten das Recht, ihren parlamentarischen Eid unter Bezugnahme auf ihr eigenes heiliges Buch abzulegen. Auch eine parlamentarische Repräsentation ist formal gesichert.

Strukturelle Marginalisierung und „Unsichtbarkeit“

Trotz dieser formalen Anerkennung unterliegt das jüdische Leben im Iran einer klaren strukturellen Unterordnung unter den schiitischen Islam. Diese zeigt sich insbesondere im öffentlichen Raum, in eingeschränkten politischen Teilhaberechten sowie im gesellschaftlichen Aufstieg. Zahlreiche Schlüsselpositionen in Verwaltung, Justiz, Militär und Politik sind ausschließlich schiitischen Muslimen vorbehalten, was an mehreren Stellen durch die iranische Verfassung festgeschrieben ist. Der schiitische Islam fungiert nach dem Selbstverständnis des iranischen Regimes als normativer Maßstab für Zugehörigkeit und Loyalität.

Diese mittelbare Unterordnung spiegelt sich auch im Stadtbild wider. Synagogen sind meist unauffällig, häufig in Seitenstraßen gelegen und kaum als religiöse Gebäude erkennbar. Religiöse Symbole wie der Davidstern, die Menora oder der Löwe Judas sind selten an Fassaden sichtbar. Dies hängt mit dem Wunsch der jüdischen Gemeinde zusammen, nicht öffentlich aufzufallen. So befindet sich der Eingang der Ezra-Yaghoub-Synagoge in einer engen Gasse und ist zwar mit einem Davidstern geschmückt, jedoch sehr unauffällig. Über dem Eingang der Molla-Hanina-Synagoge befand sich ein kleiner Stern, der nur bei genauer Betrachtung erkennbar war und mittlerweile sogar verdeckt ist. Schilder an Synagogen sind unüblich. Eine Ausnahme bildet die Kyros-Synagoge, deren Name in einer Kachelinschrift vermerkt ist. Über dem Eingang der Chaim-Synagoge steht lediglich das Wort „Synagoge“. Auch die Synagogen von Yazdi und Davood Mashe befinden sich in einer Sackgasse namens Do Masjed („zwei Moscheen“), obwohl sich dort keine Moschee befindet. Die weitgehende Unsichtbarkeit jüdischer Einrichtungen ist Ausdruck einer Strategie sozialer Anpassung und des Selbstschutzes.

Antizionismus und Loyalität als Überlebensstrategie

Ein zentrales Element der politischen Ordnung der Islamischen Republik ist der staatlich propagierte Antizionismus. Nach 1979 wurde die israelische Botschaft geschlossen und in ein Büro der Palästinensischen Befreiungsorganisation umgewandelt. Der Iran erkennt Israel nicht als Staat an; Reisen dorthin sind iranischen Staatsbürgern – insbesondere Juden – untersagt. Entsprechend findet sich im iranischen Pass der Hinweis, dass Reisen in das „besetzte Palästina“ nicht gestattet sind.

Der Präsident der jüdischen Gemeinde Teherans, Habib Elghanian, wurde wegen angeblicher „zionistischer Spionage“ und „Feindschaft gegen Gott“ nach einem nur 15-minütigen Strafverfahren zum Tode verurteilt und am 9. Mai 1979 hingerichtet. Sein jüdischer Glaube und seine Identität wurden unmittelbar mit Zionismus und dem Staat Israel gleichgesetzt. Dieses Ereignis erschütterte die jüdische Gemeinschaft zutiefst und führte zu einer Massenflucht aus dem Iran. Kurz darauf reiste Hakham Shofet, geistliches Oberhaupt der jüdischen Gemeinde, mit einer Delegation nach Qom, um Ayatollah Khomeini zu treffen. In seiner Proklamation würdigte Khomeini die historischen Wurzeln des Judentums im Iran, betonte die Gemeinsamkeiten des Monotheismus und unterschied ausdrücklich zwischen Judentum und Zionismus.

In den frühen 1980er-Jahren entwickelte sich daraus eine politische „Einigung“ über Identität und Haltung der jüdischen Gemeinde: Erstens eine vollständige Distanzierung von Israel und Zionismus, und zweitens die aktive Unterstützung des iranischen Staates. Dies zeigte sich insbesondere während des Iran-Irak-Krieges, etwa durch die Beteiligung jüdischer Jugendlicher am Aufbau-Dschihad (Dschihad-e Sazandegi).

Auch die im Iran publizierte jüdische Zeitschrift Ofeq Bina veröffentlichte Essays wie „Iran und die Palästinafrage“ und verbreitete damit regimekonforme Narrative. Die jüdische Gemeinde unterstützte offiziell das iranische Regime und distanzierte sich öffentlich vom Staat Israel. Im Gegenzug erhielt sie vom Regime eine begrenzte Form von „Sicherheit“.

Die nach der Islamischen Revolution beschlagnahmten 13 Synagogen in Teheran wurden auf Antrag der jüdischen Gemeinde durch das Revolutionsgericht wieder freigegeben. Sie sind bis heute geöffnet. Trotz mehrfacher Änderungen der Verfassung blieb der Status der iranischen Juden als anerkannte religiöse Minderheit erhalten.

Im Dezember 2014 enthüllte die iranische Regierung ein Denkmal mit persischer und hebräischer Inschrift zum Gedenken an jüdische Soldaten, die im Iran-Irak-Krieg ihr Leben verloren. Darüber hinaus verabschiedete das Parlament Gesetze, die bestehende Erbschaftsregelungen korrigierten, welche muslimische Erben gegenüber jüdischen Verwandten bevorzugt hatten. Ein weiteres Gesetz befreite jüdische Schüler an öffentlichen Schulen während des Schabbats vom Unterricht. Dennoch bestehen weiterhin Strafgesetze – insbesondere im Bereich der Tötungs- und Körperverletzungsdelikte sowie bei sogenannten Sittlichkeitsdelikten –, in denen Nichtmuslime, und damit auch Juden, nicht denselben rechtlichen Schutz genießen wie Muslime.

Der staatliche Antizionismus reicht tief in die Gesellschaft hinein. Bereits Kinder werden im schulischen Kontext mit israelfeindlichen Parolen wie „Marg bar Israel“ („Tod Israel!“) sozialisiert. Bei regimefreundlichen Demonstrationen werden regelmäßig israelische Flaggen verbrannt, wobei mit dem Davidstern zugleich ein zentrales jüdisches Symbol betroffen ist. Erwähnenswert ist auch die sogenannte „Palestine Square Countdown Clock“, die im Tagesrhythmus die voraussichtliche Restzeit bis zur Zerstörung des Staates Israel herunterzählt. Diese sogenannte Israel-Restzeituhr befindet sich auf dem „Palästina-Platz“ (Meydan-e-Filistin) in Teheran, auf dem sich in der Pahlavi-Ära die israelische Botschaft befand, und wurde am Al-Quds-Tag im Juni 2017 enthüllt. Zwar betont das Regime rhetorisch die Unterscheidung zwischen Antizionismus und Antisemitismus, doch verschwimmen diese Grenzen in der gesellschaftlichen Realität.

Für die jüdische Gemeinde ist die öffentliche Demonstration von Loyalität gegenüber dem iranischen Staat bis heute zu einer existenziellen Überlebensstrategie geworden. Dies zeigte sich exemplarisch während des Iran-Israel-Krieges im Juni 2025, als der jüdische Parlamentsabgeordnete Homayoun Samah öffentlich seine Loyalität gegenüber dem Regime bekräftigte – begleitet von uniformierten Militärangehörigen, die teilweise eine Kippa trugen.

Gleichzeitig bleibt die gewährte „Sicherheit“ fragil. Mitglieder der jüdischen Gemeinde geraten überproportional häufig in den Verdacht staatsgefährdende Handlungen zugunsten Israels zu begehen. Die Spionagevorwürfe gegen 13 Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Shiraz im Jahr 2000 sowie die Verhaftungen und Razzien gegen Juden und Jüdinnen nach dem Iran-Israel-Krieg 2025 sind nur zwei von zahlreichen Beispielen. Politische Straftatbestände mit Israelbezug wirken dabei deutlich strafverschärfend und spiegeln die ideologische Ausrichtung des Staates wider. Während das Judentum verfassungsrechtlich geschützt ist, gilt Zionismus als hochgradig kriminalisiert und wird als existentielle Bedrohung des Staates betrachtet.

Schlussbemerkung

Das Judentum im Iran existiert bis heute, jedoch unter Bedingungen permanenter Anpassung, struktureller Unterordnung und politischer Kontrolle. Die formale Anerkennung als religiöse Minderheit steht in einem deutlichen Spannungsverhältnis zur gesellschaftlichen Realität. Jüdisches Leben ist nur unter der Voraussetzung möglich, politisch unsichtbar zu bleiben, Loyalität aktiv zu demonstrieren und jegliche Verbindung zu Israel strikt zurückzuweisen. Damit ist jüdische Existenz im Iran weniger Ausdruck pluralistischer Toleranz als vielmehr das Ergebnis einer fragilen, staatlich regulierten Duldung.

von Donja Hodaie