Wir wollen uns nicht hinter verschlossenen Türen verstecken.

Das ganze Jahr über kamen verschiedenste Personen und Organisationen auf uns zu: Der Song Contest wird dieses Jahr in Wien stattfinden – das letzte Jahr war so schrecklich – was werdet ihr gegen die ganzen Antisemiten tun? Organisiert ihr eine Demo? Ihr müsst etwas tun!

Der Song Contest also soll das Nummer-1-Thema der jüdischen Studierenden werden?

Nach längerem Nachdenken entschlossen wir uns, dass das stärkste Zeichen darin besteht, uns all jenen entgegenzustellen, die den Song Contest aufgrund der Teilnahme Israels boykottieren wollen – indem wir ihn aktiv schauen. In aller Öffentlichkeit wollten wir allen jüdischen Studierenden Wiens und unseren Ally-Organisationen einen Abend ermöglichen, an dem sie den Antisemitentrubel für einen Moment vergessen können.

Der Plan war simpel: gemeinsam auf einer Wiese sitzen und beim Song Contest mitfiebern. Sollte doch möglich sein, oder?

Seit dem 7. Oktober 2023 ist die Teilnahme Israels für viele so kontrovers geworden, dass einige Länder keine Kandidat mehr zum ESC schicken. Dieser Boykott ist jedoch falsch platziert. Der Wettbewerb wird in Israel von KAN übertragen, einem öffentlich-rechtlichen Sender, der als einer der wenigen regierungskritisch berichtet. Die israelischen Künstler repräsentieren daher nicht die Regierung, sondern oft kritische Stimmen des Landes. Trotzdem waren sie in den vergangenen Jahren wiederholt Anfeindungen ausgesetzt.

Aber zurück nach Wien. Wäre die Teilnahme Israels nicht so kontrovers geworden, hätten wir wahrscheinlich nicht die ganze JöH auf den Kopf gestellt, um gemeinsam den Song Contest anzuschauen. Die erste Frage war jedoch dieselbe, die sich jüdische Organisationen bei nahezu jeder Veranstaltung stellen müssen: Wie kann dieses Event stattfinden, ohne jemanden in Gefahr zu bringen?

Über Wochen hinweg fanden wir keine Möglichkeit, die Veranstaltung ausreichend zu schützen. Immer wieder wurde uns mitgeteilt, es gäbe keine Kapazitäten, um die Sicherheit jüdischer Studierender zu gewährleisten. Deshalb entschieden wir uns schließlich, nur drei Tage vor dem Finale eine Kundgebung anzumelden. Sie war eine Notlösung, um unser Public Viewing überhaupt von der Polizei schützen zu lassen.

Am Tag selbst galt die Terrorwarnstufe 5. Als wir mit dem Aufbau begannen, fuhren mehrere Polizeifahrzeuge auf den Campus. Der kleine Innenhof der Universität wurde von Polizisten abgesichert, zusätzlich organisierten wir eigene Taschenkontrollen. Die Stimmung blieb angespannt. Der entspannte Abend, den wir geplant hatten, wurde wieder einmal zu einem politischen Kampf – eine Realität, die jüdische Studierende nur zu gut kennen.

Doch die Realität sieht anders aus, jüdische Studierende können aufgrund massiver Sicherheitsbedrohungen keine gewöhnlichen Veranstaltungen mehr ausrichten. Wir sollen uns angesichts des Hasses hinter geschlossenen Türen verstecken.

Doch genau das wollen wir nicht akzeptieren. Wir lassen uns weder einschüchtern noch aus der Öffentlichkeit verdrängen. Jüdisches Leben gehört an Universitäten, in die Öffentlichkeit und in das gesellschaftliche Leben – auch in Wien.

von Lia Guttmann und Milli Li Rabinovici – Co-Präsidentinnen der jüdischen österreichischen Hochschüler:innen (JöH).

Dieser Text erschien erstmals in der 5. EDA-Ausgabe und am 21.07.26 online.