There’s no Business like Fake Jews Business

Es ist an der Zeit, zu kritisieren, was Deborah Feldman vermeintlich monopolisiert hat: das Thema Fake Jews. Vorweg: Das Phänomen ist weder neu, noch unerforscht: Regelmäßig erscheinen Investigativrecherchen, die sich mit der Enttarnung von eben solchen Hochstaplern beschäftigen, und wie sie sich damit bspw. Karrierevorteile verschafften. (Feldmans  „Recherchen“ zähle ich übrigens nicht dazu, weil ihr Verständnis authentischer Jüdischkeit ideologisch gefärbt ist, wie Erica Zingher zeigt.) Jüngere Beispiele sind Fabian Wolff, Marie Sophie Hingst, Wolfgang Seibert. Während letztere beiden gegen ihren Willen enttarnt wurden und Hingsts Reaktion darauf leider mit Suizid endete, hat Wolff sich selbst geoutet. Vermutlich wäre es auch ohne diese Beichte zur Enthüllung gekommen, schließlich, und das haben all diese Geschichten gemeinsam, hat das Umfeld früh genug gemerkt, dass irgendwas an Wolffs Konstruktion nicht stimmen konnte. 

Es gibt Beispiele, die eigentlich sofort irritieren müssen, wie das von Misha Defonseca. Henryk M. Broder hat schon 1996 seine Zweifel geäußert, schließlich ist das Leben, das sie in ihrer Autobiografie 1997 skizziert, schwer fassbar: Als Kind soll sie fünf Jahre lang auf der Suche nach ihren verschwundenen Eltern zu Fuß durch Nazideutschland gegangen, in den europäischen Wäldern von Wölfen beschützt worden sein und dabei auf ihrem Weg von Belgien in die Ukraine und wieder zurück auch das Warschauer Ghetto überlebt haben. Viele Geschichten Shoah-Überlebender klingen unfassbar, und sind doch wahr. Was das Thema zusätzlich erschwert: Da es in Deutschland strafbar ist, die Shoah anzuzweifeln, wirkt es paradox, Geschichten von mutmaßlichen Überlebenden nicht zu glauben.

Was motiviert dazu, zu lügen? „There’s no business like Shoah-business“ heißt es bereits im Kurzfilm Masel Tov Cocktail, dabei soll der Spruch auf Elie Wiesel und Simon Wiesenthal zurückgehen. Eigentlich bezieht er sich auf die Kommerzialisierung und „Amerikanisierung“ – die Export-Fähigkeit der Shoah. Geschichten Überlebender werden zur konsumierbaren Ware: „Kassenschlagern“. So auch im Fall von Defonseca. Kurz nach der Veröffentlichung des Kinofilms über das Leben des angeblichen Wolfsmädchens im Jahr 2008 wird die wahre Identität der eigentlich Monique de Wael heißenden Bestseller-Autorin enttarnt. Zu diesem Zeitpunkt sind schon zehn Jahre vergangen, seitdem der erste Fall einer gefälschten Biografie ans Licht gekommen war und einen Begriff prägen sollte, den wir uns nun merken müssen: Wilkomirski-Syndrom. Zurück geht dieser Name auf die erfundene Identität des Schweizers Bruno Dössekker. Nachdem seine 1995 veröffentlichte Biografie durch eine Recherche 1998 als erfunden und angeeignet enttarnt worden war, widmeten sich Forscher*innen dem nach ihm benannten Phänomen auf einer darauf spezialisierten Tagung. Seitdem entstanden mehrere Publikationen, die sich diesem Phänomen multiperspektivisch widmen.

Die Motivation hinter den Lügen ist nicht immer klar. Es kann sowohl unbeabsichtigte Erinnerungsverfälschung sein, aber auch bewusste Manipulation. Außerdem stellt sich die Frage, warum eine breite Öffentlichkeit, u. A. Historiker*innen und Journalist*innen, auf kontrafaktische Erzählungen reingefallen sind. Eigentlich müssten gerade sie es besser wissen. Aber wie wir in den letzten Jahren gelernt haben, sucht sich die goyische Mehrheitsgesellschaft gerne aus, welchen jüdischen Meinungen sie mehr Glauben schenken und welchen weniger.

von Evelyn Deller, studiert gerade nicht, da burnout vom Antisemitismus am Campus. Dieser Text erschien erstmals in der 5. EDA-Ausgabe und am 21.07.26 online.