Europajuden

Interview mit Hanna Veiler – President EUJS

Interviewer: Naomi Vorstandsmitglied und Öffentlichkeitsbeauftragte JSUD

Während dieses Interviews ist Hanna im Layover von Brüssel auf dem Weg nach Tromsø, hinter der arktischen Polarlinie.

Naomi: „Gepackte Koffer“ und immer die Frage: „Wohin, wenn wir jetzt hier wegmüssen?”. Hast du seit dem letzten Jahr eine bessere Einschätzung: Was ist eigentlich der Stand in Europa? 

Hanna: In einer postnationalsozialistischen Gesellschaft zu leben hat einen Einfluss darauf, wie wir Antisemitismus wahrnehmen und auf unsere Zukunft blicken. Ich glaube nicht, dass man das so sehr bewusst merkt, bis man weg zieht. 

Die erste Erkenntnis: Antisemitismus ist in vielen Ländern Europas brutaler und offener, als er es in Deutschland ist, aber die Vorfälle und Phänomene sind europaweit ähnlich. Das ist keine Überraschung. Die Organisationen sind vernetzt, denn wir leben in einer globalen Welt. Der Unterschied liegt vor allem in der Reaktion der Behörden, Universitätsleitungen, Polizeibehörden und Regierungen. In Belgien, Spanien, Slowenien oder Irland interessiert es einfach niemanden. Umgekehrt sagen Menschen in Polen, Ungarn oder Tschechien oft: „Bei uns gibt es keinen Antisemitismus.“ Das muss man anzweifeln, vor allem weil die Wahrnehmung unterschiedlich ist.

Wir sitzen in einer Sackgasse: Auf der einen Seite instrumentalisieren rechte, extremistische Kräfte Jüdinnen*Juden, auf der anderen nehmen die Mitte und progressive Kräfte israelbezogenen Antisemitismus oft nicht ernst.

Naomi: Jetzt lebst du eben in Belgien, als Repräsentantin von Europa. Glaubst du, dein Gefühl von Zugehörigkeit hat sich geändert?

Hanna: Ich habe ein gutes Beispiel: Angekommen auf Summer U, siehst du, dass es französische Flaggen gibt, viele italienische, spanische und schwedische, and so on. Aber die Deutschen und die Österreicher struggeln immer damit.

Die Franzosen fühlen sich an erster Stelle französisch und dann jüdisch und so weiter. Aufgrund der Migrationsgeschichte und dadurch, dass Identität in Deutschland immer noch eine völkische Erzählung ist und nicht auf Werten basiert, ist es schwer, zugehörig zu sein. Dieses Europäische jedoch gibt einem das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein und denen, die sich immer lost gefühlt haben, ein Zuhause. 

Naomi: Also würdest du sagen: „Ich bin europäisch“?

Hanna: Ich bin Europäerin und trotzdem auch Jüdin. Das sind die Überbleibsel der Sowjetunion, in der meine Familie nie etwas anderes sein durfte. 

Ich möchte mich einfach als europäisch bezeichnen, aber auf der anderen Seite bin ich am Ende des Tages einfach nur Jüdin. 

von Naomi Tamir – Vorstand JSUD. Dieser Text erschien erstmals in der 5. EDA-Ausgabe und am 21.07.26 online.