Seit dem 07. Oktober 2023 ist die jüdische Diaspora in einem Schock- und Ausnahmezustand. Jüdische Menschen kämpfen in ihrem Alltag mit der Unmenge an Antisemitismus, Hass und Hetze die ihnen an Universitäten und auf den Straßen in ihren Städten begegnet zudema waren sie 2 Jahre lang in ständiger Sorge über die in Gaza festeghaltenen Geiseln. Den Kampf gegen den Antisemitismus hierzulande haben stellvertretend jüdische Aktivist*innen, Organisationen und Institutionen in Deutschland angenommen. In erster Linie stand und steht der Schutz jüdischen Lebens, welches hier – in Deutschland und Europa – erneut in Gefahr ist. Dass in den letzten zweieinhalb Jahren neben all dem nur wenig Platz für die kritische Auseinandersetzung mit Aktionen der israelischen Regierung war, ist verständlich denn viele Jüdische Aktivist*innen arbeiten an der absoluten Grenze ihrer Kapazitäten.
Mit den neuesten Entwicklungen in der israelischen Innen- und Außenpolitik sind wir jedoch erneut an einem Punkt, wo eine intensive Debatte zu skandalösen Handlungen der israelischen Regierung längst unerlässlich ist.
Dabei müsste diese Debatte gar nicht erst nach außen hin geführt werden, wie ich es gerade hier tue, wenn nicht ein großer Teil der jüdischen Community jegliche Kritik als unerwünscht und unpassend erachten würde. Hier versuche ich den Blick als Deutsch-Israeli, der die aktuelle Debatte innerhalb der israelischen Gesellschaft und den israelischen Öffentlich-Rechtlichen mitverfolgt wiederzugeben – aus einer Position, die aktuell den innerjüdischen Diskurs aus der Mitte der deutschen jüdischen Gemeinschaft verfolgt.
Während berechtigterweise israelbezogener Antisemitismus angeprangert wird und es ständig heißt, dass Kritik an der israelischen Regierung selbstverständlich, solange verhältnismäßig berechtigt sei, bleibt genau diese Kritik aber meistens aus.
Hier ein paar Beispiele:
„Man muss die Politik Netanyahus nicht mögen, aber …
…man muss eingestehen, dass Israel sich in einem Kampf ums Überleben befindet.“
Und damit wird plötzlich sehr viel gerechtfertigt, wie beispielsweise ein weiterer Krieg, jetzt im Iran, dem offensichtlich keine Strategie vorliegt. Ebenso fehlte es offensichtlich an einer Strategie im Gaza-Krieg, in dem beispielsweise eine Hungerkatastrophe zumindest in Kauf genommen wurde. Trotzdem schafften es Mal für Mal Leute in der Diaspora jeden Luftschlag zu verteidigen. Selbst die, für die es sehr offensichtlich keine Legitimation gab. Ein Musterbeispiel hierfür ist das Schönreden der Skandale um die Gaza Humanitarian Foundation. Wer erinnert heute noch daran, dass während des gesamten Gaza-Krieges kein Plan für den Tag danach vorgelegt wurde, was im Kriegskabinett für Zerwürfnisse sorgte? In jüdischen Kreisen hierzulande wurde das natürlich nicht debattiert. Warum denn auch, das würde ja Konträr zur Unfehlbarkeit Israels verlaufen, die nicht selten proklamiert wird, ohne diese konkret auszusprechen.
Während in Israel vor dem 7. Oktober gigantische Massen an Menschen gegen die de facto Entmachtung der Justiz auf die Straßen gingen, schaffen es Leute auf jüdischen Events in Deutschland diesen Demokratieabbau für sich zu legitimieren.
Die Siedlungspolitik ist „natürlich zu verurteilen“, aber …
Man hat plötzlich Verständnis für jüdische Israelis, die aus finanziellen Gründen in den besetzten Gebieten leben.
Dass die israelische Regierung immer mehr Siedlungen genehmigt und nach Aussagen von Smotrich, Levin oder auch allgemein einem Großteil der führenden Köpfe der Likud Partei, eine Annektion des Westjordanlands anstrebt, wird in jüdischen Spaces so gut wie gar nicht debattiert. Und das, obwohl beim Begriff Apartheid die meisten Schnappatmung kriegen werden, obwohl man, wenn man sich ehrlich eingesteht, eine Annektion des Westjordanlands, ohne Verleihung der Staatbürgerschaft an Palästinser*innen Apartheid gleichkommen würde. Jetzige Zustände in von Israel kontrollierten Gebieten kommen dem nahe. Jetzt wo die Ausweitung der Todesstrafe verabschiedet wurde, wird der rassistische Charakter der Besiedlung der Westbank nochmal deutlich. Während mein Mitgefühl für Terrorist*innen sich in Grenzen hält, sehe ich keine Legitimation dafür, Personen die sich bereits in Gefangenschaft befinden, hinzurichten. Wir sehen fast täglich, mit stetig zunehmender Intensität, wie israelisch-jüdischenTerroristen freier Lauf gewährt wird bzw. sie nicht bestraft werden. Medienhäuser wie Haaretz oder Times of Israel berichten mittlerweile fast täglich von Überfällen auf palästinensische Dörfer. Aber auch in deutschsprachigen Medien ist dieses Problem kein Geheimnis. Umso frustrierender ist die vermeintliche Ahnungslosigkeit im In- und Ausland, die vielmehr einem bewussten Wegschauen oder Gleichgültigkeit gleichkommt. Beides sind keine akzeptablen Positionen. Der Höhepunkt des Ganzen sind die vermehrten Berichte der letzten Jahre, dass einzelne extremistische Einheiten der IDF die Attacken auf palästinensische Dörfer decken oder sich gar daran beteiligen.
Laute Kritik aus der jüdischen Diaspora in Deutschland? Fehlanzeige.
Zu viel passiert gerade gleichzeitig. Während Israelis phasenweise im Stundentakt in Schutzräume liefen, weil Raketen verschiedenster Arten, aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen, auf sie hinunterregneten und es teilweise immer noch tun, sie mit der Kinderbetreuung und finanziellen Lage auf sich alleine gestellt sind, Reservist*innen kurz vorm Kollaps sind und eine Ende dieses Zustands nicht absehbar ist, werden in der Regierung nur Entscheidungen verabschiedet, die die Zukunft des Landes gefährden.
So werden Gelder an die Koalitionsmitglieder veruntreut, statt sie in die Gesellschaft, den Wiederaufbau, Schulen oder die Sicherheit des Landes zu investieren. Zusätzlich wird die Religionsfreiheit für andere Denominationen des Judentums, die nicht in der Regierung vertreten sind, zunehmend eingeschränkt. Ebenso gibt es vermehrt öffentliche Aufrufe Frauenrechte einzuschränken und ihre Sichtbarkeit zu reduzieren.
Israel ist auf dem besten Weg dahin, zu einem autoritär regierten Staat zu werden. Die ersten Anzeichen hierfür sind bereits im Alltag sichtbar. Die Schritte hin zu diesem Zustand werden immer weniger.
Das Israel, das die jüdische Weltgemeinschaft und die Menschen in Israel sich wünschen und brauchen, könnte es bald nicht mehr geben und es liegt unter anderem an uns, der jüdischen Diaspora, unseren Beitrag zu leisten, dass Israel als liberale Demokratie im Nahen Osten erhalten bleibt.
Anonym
Dieser Beitrag wurde am 08.07.2026 veröffentlicht.

