Sein oder nicht sein, das ist die Frage

Als offen lebende jüdische Person ist das die Debatte, die mich quasi mein gesamtes Leben täglich verfolgt, aber nicht unbedingt im Sinne, in dem man es zunächst vermuten würde. Mit Bezug auf die kleinen Selbstkonflikte im Alltag, wie der Frage, ob der Davidstern an meinem Hals heute vielleicht doch ausgezogen werden sollte, nicht weil ich das „jüdisch Sein“ per se ablegen will, sondern weil das besagte, jüdisch öffentlich präsente Sein in der heutigen Gesellschaft das Risiko mit sich bringt, ein „nicht sein“ gewünscht zu bekommen.

Es ist immer wieder schwer meinen Freunden und Begegnungen die Problematiken des modernen Antisemitismus nahezubringen. Nicht, weil sie mir nicht zuhören wollen, sondern tendenziell auch, weil ich selber nicht mehr weiß, was ich dazu noch zu sagen habe.

Es sollte eigentlich nicht nötig sein, meinem Umfeld zu erklären, warum der Besuch von Veranstaltungen, in welchen von Teilnehmenden bewusst oder vielleicht sogar unbewusst, der Tod aller Juden ausgeschrien wird, und somit auch mir, problematisch ist. Die Antwort auf solche Konfrontation sind oft nämlich Antworten wie: „Ja, aber du bist ja gar nicht gemeint, du bist ja eine von den Guten“. Solche Momente ließen mich in der Vergangenheit sprachlos.

Es sollte klar sein, dass meine jüdische Zugehörigkeit keine direkte Implikation dafür ist, dass mir der Tod tausender Menschen und Kinder egal ist. Schlussendlich sollte meine Wut nachvollziehbar sein, jedes Mal aufs neue diese Debatte früher oder später mit nahezu jeder Person, die ich kennenlernen darf, führen zu müssen.

Meine jüdische Zugehörigkeit ist nicht etwas, was ich ablegen kann, nicht etwas, was ich ablegen will, und die Tatsache, dass es dennoch an manchen Tagen etwas ist, was ich mir doch im Stillen wünsche, macht mir Angst. Es zeigt, dass das jüdische Leben als solches heutzutage unter aktiver Bedrohung steht. Jeder Tag, an dem ich die Entscheidung treffe, meinen Stern nicht zu tragen, aktiv und scheinbar selbstbestimmt meine Religion nicht in Konversationen zu erwähnen, um mich sicher und in Kontrolle zu fühlen, ist ein Tag, für den ich mich im Nachhinein schäme. Eigentlich hätte es nie so weit kommen dürfen. Grundsätzlich war meine Jüdischkeit schon immer ein offener und stolzer Teil von mir, aber über die letzten Jahre wurde sie an besonders schweren Tagen zu einer Last, die mir gezielt aufgesetzt wurde.

Antisemitismus war in meinem Leben schon immer präsent, sowohl in der Schule, in der Uni, als auch in der Öffentlichkeit. Früher habe ich mich noch darum bemüht, für diese Leute Verständnis zu finden: „Meine Mitschülerin kann ja nichts dafür, dass ihre Eltern ihr im Kindesalter bereits Propaganda aufgetischt haben. Das Date, das gesagt hat, ich würde ja sterbende Kinder wahrscheinlich total toll finden, hat sich auch einfach nicht genug informiert, oder?“.

Mittlerweile bin ich der Meinung, dass Ignoranz gegenüber politischem Allgemeinwissen und den aktuellen gesellschaftlichen Problemen eine bewusste Entscheidung ist. Hier sollte es nicht signifikant sein, ob man nun das Opfer der Situation ist oder nicht, um Solidarität und Empathie mit seinen Mitmenschen zu haben. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass wir grundsätzlich in einer Zeit leben, die so viel Wert auf die Korrektur vielfältiger gesellschaftlicher Problematiken und verankerter Strukturen legt, dass ich absolut nicht nachvollziehen kann, warum Antisemitismus so weit hinten liegen gelassen wird. Besonders da es zahlreiche Jüdinnen und Juden gibt, die ihre Stimme privat und öffentlich nutzen, um auf uns aufmerksam zu machen.

Die Facetten des Antisemitismus und deren Einfluss auf unser öffentliches Leben, sind vielen Menschen nicht bewusst. Sei es die Idee, dass ich das „I-Wort“, oder „P-Wort“, mich selten traue im Zug laut auszusprechen, aufgrund der Sorge für meine eigene Sicherheit. Auch das jüdischen Outing bei meinen Kommilitonen und hemmungslosen Reaktionen wie: „Echt? Hätte ich jetzt nicht gedacht, dachte du trägst deinen Stern nur zu Deko, „wie stehst du denn zum Nahostkonflikt?“, oder „dafür hast du aber eine echt normale Nase“. Die Dämonisierung der Juden in Deutschland ist so tief in den gesellschaftlichen Strukturen verankert, dass Menschen gar nicht nachvollziehen können, warum all diese Aussagen problematisch sind und genau solche Reaktionen der Grund für mein verspätetes “Outing” sind. Sich als Täter von Antisemitismus anzusehen Bedarf ein Level an selbstkritischem Denken, das viele heutzutage nicht besitzen. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel ich durfte ohne Frage auch positive Erfahrungen sammeln.

Primär habe ich mir angewöhnt, mittlerweile schon sehr weit am Anfang von neuen Begegnungen „Pandora’s Box“ zu öffnen und meine Jüdischkeit offen zu präsentieren. Natürlich erst, nachdem ich trotzdem mühevoll die nötigen Sicherheitsmaßnahmen getroffen habe, um zu garantieren, dass mir nichts passieren kann. Dass so eine Denkweise von einem Menschen kommen kann, der grundsätzlich historisch als Täter in der Gesellschaft angenommen wird, ist kein ernst genommenes Problem. Die Antwort, ich solle mich ja nicht so anstellen, dass das ja alles nicht so schlimm sei wie das restliche Leid in der Welt, hat wahrscheinlich jeder von uns schon mal hören müssen.

Tendenziell muss der Davidstern erst einmal aus dem T-Shirt rausgeholt werden, um überhaupt einen Dialog zu dieser Thematik führen zu dürfen, da als nicht klar erkennbar jüdische Person Menschen selten bereit sind, eine pragmatische Konversation zu führen. Erst danach hat man die Chance auf potenzielle Zivilcourage und selbst da passiert dies nur in grenzwertigen Maße.

Zu sein oder nicht zu sein, ist für mich heute keine Frage mehr. Ich will sein, vieles sein. Ich will laut sein, ich will offen jüdisch sein, ich will in einem für mich sicheren Deutschland sein. Die Hoffnung, dass eines Tages dieser Wunsch Realität werden kann, verfolgt mich Tag für Tag. Für jeden Moment, in dem ich an mir, und manchmal sogar an uns, gezweifelt habe, mich versteckt habe, werde ich heute umso lauter für eine Welt sprechen, die mein Dasein nicht nur duldet, sondern als gleichwertig aufnimmt.

von Hannah Brojtman

Dieser Beitrag wurde am 06.07.2026 veröffentlicht.