Knackig, koscher, kultig

Der Rapper Kosha Dillz hat sich nach ihnen benannt, kein Deli kommt ohne sie aus, und aus der israelischen Küche sind sie neben eingelegten Rüben oder Zitronen nicht wegzudenken: Gurken. Genauer gesagt: Pickles. Meine Instagram-For-You-Page ist voll von New Yorker*innen, die die besten Pickles suchen und bewerten, von Pickle-Pizza-Rezepten (die ich auch schon nachgekocht habe. 10/10, can recommend) und sogar Pickle-Water-Fontains. Durch Gurken-Enthusiast*innen wie Russischraclette oder thepeachbellini hat es die knackige Delikatesse bis ganz nach oben unserer Einkaufslisten und Herzen geschafft. Doch wie kommt es, dass dieses salzige Gemüse zum gehypten und vor allem jüdischen Kulturgut wurde? 

Zwar sind eingelegte Gurken kein Bestandteil religiöser Praxis (noch nicht?!), aber ein festerBestandteil der aschkenasisch-jüdischen Esskultur. Bereits in der Bibel werden Gurken als eine Speise erwähnt, die die Israeliten nach dem Auszug aus Ägypten vermissten: „Wir gedenken der Fische, die wir in Ägypten umsonst aßen, der Gurken und der Melonen und des Lauchs und der Zwiebeln und des Knoblauchs.“ (4. Mose/Numeri 11,5, Buber-Rosenzweig).

Im osteuropäischen Raum, wo viele Jüdinnen und Juden bis ins 19. und frühe 20. Jahrhundert lebten, war das Einlegen von Gemüse eine alltägliche Methode, um Lebensmittel haltbar zu machen – besonders Gurken, Kohl und Rüben. Diese Praxis wurde Teil der jüdischen Küche. Im Winter war sie überlebenswichtig: Eingelegtes Gemüse lieferte Vitamine und brachte Würze in eine oft eher fade Ernährung.

Hierzu kommt ihre Praktikabilität: Als Gemüse sind sie grundsätzlich koscher, vielseitigkombinierbar, lange haltbar und einfach herzustellen. Das machte sie ideal für den Alltag.

„Kosher Dills“ beziehen sich ursprünglich nicht nur auf religiöse Vorschriften, sondern auch auf eine spezifische Zubereitungsart mit Knoblauch, Dill und Salzlake (Brine). Der Begriff hat eine doppelte Bedeutung: kulinarische Tradition auch Kashrut. Traditionell werden diese Gurken milchsauer vergoren, nicht in Essig eingelegt. Auch weil Essig früher teuer war und durch die Herstellung aus Wein religiöse Fragen aufwerfen konnte. Während viele „KosherDills“ heute tatsächlich religiös zertifiziert sind, steht der Name historisch vor allem für die knoblauchreiche Fermentation. 

Mit der Auswanderung, insbesondere nach New York im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, wurden eingelegte Gurken zu einem sichtbaren Symbol jüdischer Kultur. Delis servierten sie zu Sandwiches, Straßenverkäufer boten sie in Fässern an, etwa auf der Lower East Side. So wurden sie Teil der urbanen Alltagskultur. New York entwickelte sich zum Zentrum der Pickle-Kultur: billig, haltbar, allgegenwärtig. Ikonische Bilder wie die „pickle pushcarts“ prägten das Stadtbild und machten die Stadt zur „Pickle-Hauptstadt“ der USA.

Heute erleben Pickles ein Comeback: Seit den frühen 2020er-Jahren, besonders um 2023, hat sich ein neuer Hype entwickelt. Vor allem Social Media und Gen Z treiben diesen Trend voran. Laut der New York Post (2023) sind Pickles „das neue Lieblings-Snack-Thema von Gen Z“, gepusht durch TikTok und kreative Kombinationen wie „Pickle-in-a-blanket“. Der Trend passt zur sogenannten „Snackification“: schnellen, auffälligen Snacks mit hohem Wiedererkennungswert.

Zugleich lässt sich der Hype teilweise mit dem sogenannten „Lipstick Effect“ erklären: In wirtschaftlich unsicheren Zeiten greifen Menschen eher zu kleinen, erschwinglichen Genussmitteln statt zu teurem Luxus. Ähnlich wie bei der Dubai-Schokolade.

Für viele junge Menschen sind Pickles inzwischen zu einem Identifikationsmerkmal geworden. In meinem Auslandssemester in Victoria, Kanada, gab es sogar den Studi-Club „pickle sisters“ („the place for people with passion for pickles”). Auf TikTok erreichenHashtags wie #pickle und #pickles kombiniert über 9,6 Milliarden Aufrufe. Trends wie die „Hot Pickle Challenge“, „Girl Dinner“ oder virale Videos von Stars wie Dua Lipa, die Gurken in ihre Diet Coke mischt, verstärken den Hype zusätzlich.

Und nicht zuletzt: Pickles sind funktional. Gurkenwasser gilt als überraschend effektiver Elektrolyt-Drink nach einer langen, verzechten Nacht, das hat mir schon meine Mama als Teenager beigebracht. Fermentierte Gurken liefern Probiotika, fördern die Darmgesundheit und sind gleichzeitig kalorienarm.  

Rezept:

– 1kg Einlegegurken, gewaschen und der Länge nach halbiert oder geviertelt

– 1/3 Tasse Salz (am besten Grobkornsalz)

– 5 zerdrückte Knoblauchzehen

– 1 Bund Dill

– 1 Tasse kochendes Wasser, zusätzlich kaltes Wasser

1. Löse das Salz in der Tasse mit kochendem Wasser in einer großen Schüssel auf.

2. Gib eine Handvoll Eiswürfel hinzu, um die Mischung abzukühlen, und füge dann den Knoblauch, den Dill und die Gurken hinzu.

3. Gieße so viel kaltes Wasser auf, dass die Gurken vollständig bedeckt sind.

4. Beschwere die Gurken mit einem Teller oder einem kleinen Gewicht, damit sie unter der Oberfläche bleiben, und lass sie bei Raumtemperatur stehen.

5. Nach ca. 4 Stunden (bei geviertelten Gurken) kannst du probieren; meist dauert es 12 bis 48 Stunden, bis sie den gewünschten Säuregrad erreicht haben.

Bete a won!

Text von Von Liia Thalberg-Žukova. Veröffentlicht am 01.06.2026