I don’t see Jewishness

Warum es wichtig ist, von einem Antisemitismusproblem zu sprechen. 

Die beiden Landesvorsitzenden Niedersachens Thorben Peters und Hilke Hochheiden behaupten, dass es keinen Platz für Antisemitismus in der Linkspartei gäbe. Grundlos erklärt Heidi Reichinnek, die Darstellung des Landesverbandes als antizionistisch sei falsch, obwohl es der exakte Wortlaut des verabschiedeten Antrags aus Niedersachsen war. Wenn dann Andreas Büttner als Reaktion auf diesen Wortlaut die Partei verlässt, wirkt Ulrike Eiflers Post bei X wie die cringe weiße Person im Raum, die stolz behauptet I don’t see color! Wobei es vielmehr ein we don’t see color war. 

Nach der Kritik am Antizionismus-Beschluss des Landesverbandes Niedersachsen behauptete sie nämlich selbstsicher: „Die Linke hat KEIN Antisemitismusproblem!“. Mit dem KEIN und dem Ausrufezeichen wollte sie vermutlich deutlich machen, dass sie wirklich keine colors sieht. 

Eifler kann die historische Rolle von Antisemitismus in der vereinfachten Kapitalismuskritik der Linken nicht leugnen. Und spätestens seit 1948 auch nicht mehr den israelbezogenen Antisemitismus. Bereits in den 70ern befasste sich Jean Améry, der sich selbst als linkspolitisch einordnete, mit genau diesem Thema. Seine Essays drücken denselben Frust aus, den viele linke Juden*Jüdinnen auch heute noch wegen Menschen wie Ulrike Eifler verspüren. Möglicherweise eine sinnvolle Lektüre für den nächsten Lesekreis der Rosa Luxemburg Stiftung?

Ebenfalls nicht leugnen lässt sich linker Terror gegen die jüdische Community. Der versuchte Bombenanschlag von Tupamaros West-Berlin am 9. November 1969 auf das jüdische Gemeindehaus in Berlin oder die Entebbe Flugzeugentführung durch die Revolutionären Zellen im Jahr 1976, sind nur zwei Beispiele einer langen Reihe von linkem Antisemitismus. 

Zurück zum Ausgangspunkt: Die Aussage „I don’t see color“ wird hauptsächlich von weißen Menschen verwendet, um zu suggerieren, dass sie nicht rassistisch sind – als gäbe es keine optischen Merkmale, die Grundlage für Jahrhunderte an Kolonialismus und Versklavung wären. Sie ist also nur ein Zeichen der Ignoranz – ein Beweis blinder Flecken. Es verdeutlicht Unwissenheit über internalisierten Rassismus: die von Kindheit an durch Sozialisierung eingetrichterten Stereotypen. Dieser Sozialisierung können wir nicht entgehen, da wir unweigerlich in einer Welt mit rassistischen Strukturen leben.

Solche diskriminierenden Strukturen lassen sich allerdings nur bekämpfen, indem man sich der Internalisierung bewusst wird, die Tatsache akzeptiert und ihnen durch Handeln entgegenwirkt. Ruft man jedoch “I don’t see color” in den Raum, erstickt man jegliche Konversation und damit die Möglichkeit zur kritischen Reflexion im Keim.

Der Mechanismus ist bei Antisemitismus derselbe. Zu behaupten, man selbst habe kein Antisemitismusproblem, zeugt von Ahnungslosigkeit über das Ausmaß an Internalisierung – denn die gesamte Welt hat ein Antisemitismusproblem. Er ist strukturell verankert in unserer Sprache, ist Grundlage für Verschwörungstheorien und dient der Gesellschaft spätestens seit dem Mittelalter als gewaltvolles Ventil für jegliche Form von Frust – die Entstehung der Pogrome. Die Linke und auch Ulrike Eifler sind Teil dieser Welt und damit auch Teil des Problems.  

Wenn die Partei die Jerusalemer Erklärung anerkennt, ohne Mitwirkung von durch Antisemitismus Betroffenen oder jüdischen Institutionen, was sie selbst einräumt, ist das EIN Problem. 

Wenn Mitglieder der Linkspartei ihre gesamte Identität auf einer obsessiven Dämonisierung Israels aufbauen, als gäbe es nur diesen einen Konflikt auf der Welt und dabei verschwörungstheoretische Tendenzen entwickeln, die Israel für alle Probleme dieser Welt verantwortlich machen und seine Zerstörung als die Lösung propagieren, dann ist das EIN Problem.

Wenn Jan van Aken nicht in der Lage ist, zwischen der Antisemitismuserfahrung der jüdischen Diaspora und der von Israelis zu unterscheiden, dann ist das EIN Problem. Dazwischen liegen nämlich – hot take – Welten. 

Wenn Ines Schwerdtner sich darüber echauffiert, dass eine Veranstaltung an der Freien Universität Berlin mit Francesca Albanese abgesagt wird, weil sie sich in der Vergangenheit mehrmals antisemitisch geäußert hat, aber keine Stellung zum Messerangriff am Denkmal für die ermordeten Juden Europas am 21. Februar 2025 bezieht, ist das EIN Problem. 

All das sind keine Einzelfälle, es ist derselbe Mechanismus.

Wenn Ulrike Eifler also stolz auf X postet: „Die Linke hat KEIN Antisemitismusproblem“, ist sie Teil des Problems. Sie hätte auch gleich sagen können I don’t see Jewishness.

Text von Jonathan Reti. Unterstützung und Lektorat von Evelyn Deller. Dieser Beitrag wurde am 01.06.2026 veröffentlicht.