und warum eine funktionierende Bundeswehr auch eine Wehrpflicht für Frauen bedeuten müsste
Frieden ist ein Wort, das gerade in letzter Zeit viel zu oft genutzt wird, ohne dass es wirklich verstanden wird. Ähnlich wie die Demokratie ist es ein Zustand, der aktiv geschützt und verteidigt werden muss. Für Frieden zu kämpfen bedeutet, anzuerkennen, dass Frieden nicht selbstverständlich ist. Die Welt wird nicht einfach friedlich sein, nur weil wir keine Waffen in die Hand nehmen wollen.
Ein Satz prägte mein Verständnis nach dem 7. Oktober 2023 nachhaltig: Für Deutsche heißt „nie wieder“ nie wieder Krieg, weil sie historisch die Aggressoren waren. Für Jüdinnen*Juden heißt „nie wieder“ nie wieder wehrlos, eine Lehre aus dem Holocaust, als die Welt ungerührt zusah und wir lernten, dass nur die eigene Wehrhaftigkeit unser Überleben sichern kann. Dieses Verständnis können auch Ukrainer*innen, Kurden*Kurdinnen und viele andere, insbesondere ethnische Minderheiten oder Bevölkerungen, die gegen Diktaturen kämpfen, wie Iraner*innen, teilen. Diese gemeinsame Erfahrung von Bedrohung und der Notwendigkeit zur Selbstverteidigung schafft eine Identifikation mit Israelis und Jüdinnen*Juden, aber auch andersherum.
Doch während viele Menschen in unserem Alter in anderen Ländern einer finsteren Realität ausgesetzt sind, in der Krieg nun mal herrscht, in dem sie Freunde und Familie verloren haben, scheint das hier nicht ganz anzukommen. Unsere Gesellschaft sitzt privilegiert auf der gemütlichen Couch und redet online darüber, wie uncool Krieg ist, oder repostet gelegentlich Inhalte zum Motto „make love not war“. Generationsübergreifend mangelt es an dem Verständnis dafür, was gesellschaftlicher Zusammenhalt kostet, oder warum Deutschlands Armee nicht schwach sein darf. „Peace through strength“ klingt zunächst wie ein Oxymoron, doch Abschreckung bedeutet nichts anderes, als dass niemand Krieg will, weshalb jedoch militärische Stärke notwendig ist: um gar nicht erst angegriffen zu werden. Auch wir in Mitteleuropa müssen endlich lernen, über den Tellerrand hinaus und weiter in die Zukunft zu denken. Die Ukraine kann nicht auf Dauer unsere Freiheit verteidigen. Europa muss selbst glaubwürdig verteidigungsfähig werden, um der Ukraine bei möglichen Verhandlungen echte politische und sicherheitspolitische Rückendeckung geben zu können. Was einige daraus hören, ist jedoch: Wer aufrüsten möchte, möchte Krieg.
Ich schließe den ersten Teil so ab: Ja, es gibt einen Kampf für Frieden. Und wir im Westen müssen dringend an unserer Naivität arbeiten und lernen, diesen Frieden und die Demokratie zu verteidigen.
In Deutschland wird nun also wieder über die Wehrpflicht diskutiert. Doch diese Debatte hat einen zentralen blinden Fleck: Es reden fast ausschließlich alte Männer über junge Männer. Eine Armee, die Deutschland verteidigen soll, muss Deutschland auch widerspiegeln. Nicht nur männlich, sondern auch Frauen* inklusive Queers. Das geht nur, wenn sich die Bundeswehr umstrukturiert und Frauen wenigstens bei etwas so Grundlegendem wie der verpflichtenden Umfrage einbezieht.
Warum? Wenn wir uns umschauen, sehen wir Frauen an der Front überall. Sie waren immer da, von Kriegerinnen, Partisaninnen und Soldatinnen, große Namen wie Hannah Szenes, bis zu den mutigen Frauen auf Bildern, deren Namen vergessen wurden. Heutzutage erst recht, denn Kämpfe sehen anders aus und viele biologische Nachteile lassen sich durch moderne Technik ausgleichen. Am 7. Oktober 2023 standen sieben 20-Jährige aus dem Caracal-Bataillon 17 Stunden lang mit einem Panzer alleine Hunderten Kämpfern, teils mit panzerbrechenden Granaten ausgestattet, gegenüber. Hagar, Hila, Tal Sara, Michal, Karni, Ophir und Tamar waren die ersten weiblichen Panzerbesatzungen im Westen, die so lange im aktiven Kampf durchhielten.
Frauen in Uniform und mit Waffe sind in Israel selbstverständlich, denn Israel führte als erstes Land die Wehrpflicht für Frauen ein und ist bis heute eines von wenigen. Dies hat meine Meinung zur Gleichberechtigung in der Armee definitiv geprägt. Denn Männer lernen so auch Frauen zu respektieren. Sie sind ihre Kameradinnen, ihre Offiziere, ihre Lehrerinnen, und ja, sie alle lernen Selbstverteidigung. Eine Frau in der Armee ist nicht etwas Sonderbares, sondern Teil des Systems, und das noch bevor es die israelische Armee offiziell gab. Seit 2000 haben Frauen rechtlich Zugang zu jeder Position in der IDF, sodass heute über 20 % der Kämpfer- und Support-Positionen von Frauen besetzt werden. Ihr Einsatz ist essenziell, auch in den 70-80 % der Positionen in modernen Armeen, die nicht aus Kampfeinheiten bestehen. Es gibt hohe integrale Positionen in Intelligence, Tech/Engineering, Cyber-Security, Search and Rescue, Medical und mehr. Das alles sollte übertragbar sein für die Bundeswehr, dort sind es gerade nur 13 % Frauen in der gesamten Armee.
Gleichzeitig ist die Bundeswehr ganz anders aufgestellt und unterscheidet sich auch durch die letzten 80 Jahre ihrer Geschichte. Aufgrund von Hierarchien, Uniformität sowie der Nähe zu Waffen und Autorität wird eine bestimmte Gruppe von Männern, die teilweise rechts- oder völkisch ausgerichtet ist, von der Institution angezogen und wird sich in einem solchen Umfeld auch wohlfühlen. Gerade jetzt mit einem Rechtsruck in Gesellschaft und Politik, bringt dies große Sorgen und Ängste auf. Umso mehr sollte die Bundeswehr diesen Menschen und Ideologien nicht überlassen werden.
Es gibt viele kulturelle Unterschiede, welche die deutsche Bundeswehr stark beeinflussen, wie die deutlich schärfere Hierarchie. Es wird ein langer Prozess werden, bis solche Aspekte reformiert und modernisiert werden, aber natürlich nur, wenn dies überhaupt angestrebt wird. Andererseits müssen viele andere Aspekte umgehend angegangen werden: Zum Beispiel müssen flächenübergreifend Mechanismen ausgebaut werden, die unabhängig Meldungen nachgehen, ob bei Rassismus, Sexismus und Antisemitismus, aber auch beim Diebstahl von Munition. Erst vor ein paar Wochen sind erneut Fälle bekannt geworden, in denen Soldatinnen des Fallschirmjägerregiments von Rechtsextremismus und frauenverachtenden Kommentaren bis zu Vergewaltigungsfantasien ihrer Kollegen berichten. Zwar wurde auf diese Sammlung von Vorfällen intern reagiert, doch kann dies nicht als Einzelfall kleingeredet werden. Aus meinen eigenen Erfahrungen mit Antisemitismus ziehe ich eine Regel: Wenn man nicht über Fälle hört, bedeutet das meistens nur, dass sich dort keine diskriminierte Person befindet, die sich die Mühe geben würde, den Vorfall zu melden. Auch wenn jetzt erst mal mehrheitlich Männer angeworben werden sollten, muss dieser Raum sie vor Rassismus, Homophobie, Antisemitismus und anderen Formen von Hass schützen, und trotzdem dafür sorgen, dass auch der Sexismus angegangen wird. Wenn die Bundeswehr Minderheiten nicht schützt, kann sie kein Ort werden, der seinem Grundgedanken der Verteidigung unserer Werte gerecht wird. Bis diese grundlegenden Maßnahmen nicht getroffen werden, kann es meiner Meinung nach, als queere, linke, doch vor allem jüdische Frau, nicht zu einer Wehrpflicht kommen.
Treffen in meiner Argumentation nicht gegensätzliche moralische Verständnisse aufeinander? Eigentlich nicht. Wir alle sollten Deutschlands Demokratie und Freiheit, an die wir glauben, verteidigen und für die Sicherheit der Zivilbevölkerung kämpfen.
Wir wollen eine Armee der Menschen, die Deutschland und unseren moralischen Kompass widerspiegelt? Dann muss die Armee eben junge Erwachsene aus ganz Deutschland zusammenbringen können und ihre persönliche Sicherheit innerhalb der Institution versichern.
von Naomi Tamir, JSUD Vorstand
veröffentlicht am 05.03.2026

