“Nehmt meine Worte, denn was ich sage, trägt keine Bedeutung. Ihr habt sie verbrannt, doch unsere Stimmen drangen durch erstickende Hände. Sie hallen in unseren wider, in tausenden Erzählungen wie die zur Vergessenheit verurteilten Rufe, die aus der aschenen Erde aufsteigen, (…)” tönt es dem Publikum in der Villa Seligmann am Abend des 27. Oktober 2025 entgegen. Gebannt sind ihre Blicke auf Richard Ettinger gerichtet, der als einer der Preisträger des Aktionstags “Vielfältiges jüdisches Leben” seine Spoken-Word-Performance vorträgt und berührt. Seine Worte sind ein ehrlicher Einblick in die jüdische Existenz in Deutschland, die so häufig missverstanden und ignoriert, missinterpretiert oder in eine einsame Ecke gestellt wird, wo sie nicht stört.
Doch nicht nur der Beitrag Richard Ettingers setzt diesem Bild an jenem Abend, zu dem der Zentralrat der Juden, die Initiative kulturelle Integration, und die Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien als auch für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitimus eingeladen haben, etwas entgegen. Vielmehr sind es alle Beiträge, die die geladenen Gäste zu den Emotionen einladen, die das Menschsein ausmachen. Es wird einem bang ums Herz, während man Hannah Schlachters Poetry Slam zuhört und sie einen erschütternd aufatmend zurücklässt. Es wird wütend mit dem Kopf geschüttelt, als sich der Präsident des Zentralrats der Juden, Dr. Josef Schuster, der Lebensrealität deutscher Juden in den letzten zwei Jahren widmet und der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, den Antisemitismus und Gratismut im deutschen Kulturbetreib anprangert. Es wird gelacht, als Ron Segal aus “Großvaters letzter Witz” vorliest und jüdische Resilienz anhand eines überbändigen Humors unter Beweis stellt. Humor, der Leben rettet und Hoffnung schenkt, die gerade in diesen Zeiten so wichtig ist.
Und vielleicht ist es auch Hoffnung, die die Villa Seligmann ausmacht. Ihr Erdgeschoss ist lila-rot erleuchtet und wirkt an diesem kalten, dunklen Oktoberabend wie eine rettende Oase. Nicht nur vor den Temperaturen und der Dunkelheit, sondern der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft, Ausgrenzung, des Antisemitismus und den Erfahrungen der letzten zwei Jahre. Das alte Gebäude wird zu einem Refugium für jüdisches Leben, jüdische Kultur und jüdische Musik. Endlich einmal wird der Fokus nicht auf jüdische Diskriminierung gelegt, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des jüdischen Volkes zieht. Stattdessen wird selbstbestimmt jüdischer Facettenreichtum gefeiert und geehrt.
Aus diesem Grund hätte man mit der Villa Seligmann keinen passenderen Austragungsort finden können. Das Hannoveraner Gebäude, das im Jahr 1906 vom jüdischen Generaldirektors der Continental AG Siegmund Seligmann und seiner Frau Johanna bezogen wurde, steht wie kaum ein anderes in Deutschland für die Verbreitung und Honorierung jüdischer Kultur und Musik. Ihr Sohn Edgar Seligmann übereignete das Grundstück samt Haus im Jahr 1931 aus unbekannten Gründen an die Stadt Hannover, sodass es jahrzehntelang seinen jüdischen Bezug verlor. Und doch wirkt die Villa Seligmann wie eine alte Eiche. Beständig, tief verwurzelt und voller Weisheit.
Nachdem das Gebäude von der Wehrmacht genutzt wurde und jahrzehntelang die städtische Musikschule beherbergt hatte, erwarb es im Jahr 2006 die Siegmund Seligmann Stiftung, ließ es aufwendig restaurieren und so im alten Glanz neu erstrahlen. Seit der Wiedereröffnung als Haus für jüdische Kultur und Musik im Jahr 2012 ist die Villa Seligmann, deren Leitung sechs Jahre später Eliah Sakakushev-von Bismarck übernahm, zu einem Ort geworden, an dem jüdisches Leben stolz und sichtbar gelebt wird. Ohne sich zu verstecken, dafür voller Selbstverständlichkeit und Bewusstsein um den großen kulturellen Reichtum.
Dass die Villa Seligmann eines der wenigen jüdisch geprägten Häuser Deutschlands ist, das keine grauenhafte Geschichte in seinen Fundamenten und Mauern trägt, sei außergewöhnlich, erzählte mir Henrik Szántó, Autor und zugleich Moderator des Abends. Dadurch würde das Gebäude insbesondere den Aspekt des Lebendigen, des Widerständigen am Judentum repräsentieren, der sich auch durch das Programm gezogen habe.
Auf eine Art war der kulturelle Abend ein Akt des Widerstands an sich. Nicht nur, weil zwei der Preisträger des Schreibwettbewerbs L´Chaim, Ruben Gerczikow und Monty Ott, mit ihrem Text “Hat Halle uns verändert? Ein Manifest mutiger, widerständiger Jüdischkeit“, die Vielseitigkeit jüdischer Resilienz aufzeigten. Nicht nur, weil in den Gesprächsrunden zwischen den Preisträgern und geladenen Gästen sichtbar wurde, wie organisiert und bunt jüdisches Leben ist und wie viel Stärke sich aus dieser Gemeinschaft ziehen lässt. Nicht nur, weil das Publikum den Klängen klassischer Musikstücke jüdischer Komponisten und Komponistinnen lauschen durfte. Nein, vor allen Dingen, weil die Villa Seligmann eine Atmosphäre schuf, in der man einfach jüdisch sein konnte und jüdisch war. In der zwar die letzten zwei Jahre und der Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 mit all seinen Folgen sicher thematisiert werden konnte, aber der Antisemitismus nicht die Center-Stage erhielt. In der der rote Faden der Verfolgung nicht als das definierende Merkmal, welches einem aufgedrückt wird, weitergesponnen, sondern unterbrochen wurde durch jüdische Musik, jüdische Witze, jüdische Schlagfertigkeit, jüdische Kunst. Durch jüdisches Leben – und was gibt es Widerständigeres als das eigene Fortbestehen trotz aller Hürden, Mauern und Kämpfe?
Die Villa Seligmann als Ort der Hoffnung und des Widerstands, der zugleich ein schützender Raum für alle Juden ist, egal ob sie sich als säkular oder religiös definieren. Ein Raum, der alle Menschen einlädt, jüdische Kultur und Musik zu erleben, kennenzulernen und einen Beitrag leistet, gegen all diejenigen anzukämpfen, die alles Jüdische wieder einmal vernichten wollen.
Und so entlässt auch Richard Ettinger die Anwesenden mit Worten, durchtränkt von stolzer Identität, mutigem Widerstand und irreversibler Hoffnung: “Nennt uns, wie ihr wollt, doch wir finden unsere Namen und tragen sie stolz, werden nicht aufhören, zu existieren, wissen, wen zu lieben und wie uns zu positionieren, wählen unsere Worte mit Sicherheit und werden nicht müde, unseren Weg zu suchen.”
von Antonia Sternberger
Dieser Text erschien zuerst in der 4. EDA Ausgabe ( Chanukka Edition Dezember 2025).

