Durch mein Mandat bei der JSUD haben sich die prägenden Antisemitismuserfahrungen in meinem Leben verändert. Es kommt nicht mehr so häufig vor, dass ich an der Universität erkannt, gedoxxt oder direkt bedroht werde, auch weil ich durch meine Arbeit bei der JSUD schlicht keine Zeit mehr habe und dort derzeit nicht aktiv bin. Dafür erlebe ich heute deutlich mehr Online-Hass, bekomme antisemitische Briefe zugeschickt oder werde – manchmal sogar im Zug oder in der Stadt – erkannt und angefeindet.
Antisemitismus begegnet mir heute aber nicht nur dort, sondern auch in Räumen, in denen Menschen Macht und Verantwortung tragen und es eigentlich besser wissen müssten. Am vergangenen Wochenende war ich bei der Vollversammlung des Deutschen Bundesjugendrings. Dort wurde ein Antrag zu Gaza diskutiert, der in seiner Unsensibilität kaum zu übertreffen war. Darin war unter anderem von einem „Gefangenenaustausch“ die Rede, es wurde behauptet, alle Geiseln seien bereits aus den Tunneln der Hamas befreit, und es wurde gefordert, sich mit propalästinensischen Demonstrationen zu solidarisieren, ohne auch nur zu erwähnen, dass auf vielen dieser Demos offen zur Intifada, also zum Judenmord, aufgerufen wird.
Dieser Antrag wurde stundenlang bis tief in die Nacht diskutiert und schließlich in eine Arbeitsgruppe verlegt, um einen Kompromiss zu finden. Dort hieß es, man müsse „eine gemeinsame Linie finden, damit Jugendliche nicht zu extremen Kräften abwandern“. Das klang bemerkenswert ähnlich zu dem, was sonst von denjenigen kritisiert wird, die der CDU vorwerfen, sie würde durch Annäherung an die AfD nur deren Positionen stärken.
In der Debatte wurden dann problematische Gegensätze aufgemacht: Progressive gegen Israelsolidarische, Muslime gegen Juden, Diskriminierte gegen andere, was in diesem Fall schlicht Juden bedeutete. Eine Art Fußballlogik, in der man sich für ein Team entscheiden muss und alles andere ausblendet. Selbst als Fußballfan muss ich sagen, das ist intellektuell etwas unterkomplex.
Dann fiel im Raum ein Satz, der mich sprachlos machte: „Wenn Menschen aufgrund eines solchen Antrags nicht bei uns Mitglied werden wollen oder sich ausgeschlossen fühlen, dann ist das doch richtig. Solche Menschen wollen wir nicht bei uns haben.“
Spätestens in diesem Moment konnte ich nicht mehr diplomatisch bleiben. Ohne das Wort Antisemitismus zu verwenden, wies ich darauf hin, dass der Antrag mehr als unsensibel formuliert war. Die Reaktion darauf war bezeichnend: Ich wurde ermahnt, sachlich zu bleiben. Dabei unterschied sich mein Tonfall in keiner Weise von anderen Redebeiträgen, mit dem Unterschied, dass ich aus der Perspektive einer betroffenen Person sprach.
Kurz darauf wurde mir vorgeworfen, ich hätte die Antragstellenden als antisemitisch bezeichnet, etwas, das ich nie getan hatte. Aber genau dieses Muster zieht sich durch viele Diskussionen in Deutschland. Es gibt eine sogenannte Antisemitismuskeule, die nicht von Jüdinnen und Juden geschwungen wird, sondern von denen, die Kritik an antisemitischen Strukturen delegitimieren wollen.
Diese Keule dient dazu, den Vorwurf des Antisemitismus zu entkräften, indem man ihn als Überempfindlichkeit darstellt, während die eigentliche Problematik unangetastet bleibt. Menschen, die so reagieren, inszenieren sich als Opfer einer vermeintlichen Hetzjagd der Juden auf die Meinungsfreiheit. Der Schritt zu dem Gedanken, man müsse also mehr Antisemitismus wagen, ist dann nicht mehr weit.
Und genau das geschah in der Nachtsitzung über den Antrag. In der abschließenden Wortmeldung wurde nicht etwa die inhaltliche Unsensibilität kritisiert, sondern der Mut der Antragstellenden gelobt: „Als Jugendorganisationen ist das genau richtig, wir müssen uns trauen, solche Anträge zu stellen.“
Ich frage mich, ob man das auch sagen würde, wenn es sich um einen Antrag handeln würde, der blind gegenüber Rassismus wäre. Ich wage es zu bezweifeln.
In diesem Kontext klang das für mich nur nach einem:
Mehr Antisemitismus wagen.
von Ron Dekel
Dieser Text erschien zuerst in der 4. EDA Ausgabe ( Chanukka Edition Dezember 2025).

