Der Diskurs um den Nahostkonflikt macht deutlich, dass Solidarität häufig einer politischen Ästhetik entspringt. Dabei sollte sie einer universalistischen Logik folgen und konsistent sein. Man zeigt sich solidarisch mit marginalisierten Gruppen, da es moralisch richtig ist und zur Verbesserung gesellschaftlicher Umstände beiträgt. Ich als jüdischer Mann zeige mich solidarisch mit feministischen Bewegungen, weil der Kampf gegen patriarchale Strukturen moralisch richtig ist und auch ich von einer gerechteren Gesellschaft profitiere. Plausibel, oder?
Gerade für Minderheiten ist es notwendig, sich untereinander zu solidarisieren, um sich gegenseitig im Kampf zu unterstützen, da die Mobilisierung der Masse zur Erzielung einer Wirkung unabdingbar ist. Kurz gesagt: Allein wird es schwer.
Das ist keine leichte Aufgabe in einer von Individualismus dominierten Welt. Häufig drehen sich unsere Gedanken um uns selbst und damit auch um die eigenen Probleme, was das Erkennen gemeinsamer Interessen erschwert.
Zusätzlich schreiben politische Gruppen oft vor, wie Solidarität auszusehen hat. Diese folgt häufig nicht universellen Werten. Ein Beispiel ist die selektive Empathie mit Frauen, die Opfer sexualisierter Gewalt sind. Während sich einige Gruppen ausschließlich mit palästinensischen Frauen solidarisieren, tun andere es nur mit israelischen. Alle Gruppen behaupten jedoch von sich, ein Problem mit Gewalt gegenüber Frauen an sich zu haben.
Im Vordergrund steht hier die politische Ästhetik.
Damit ist eine Form des Selbst als bestimmtes politisches Individuum gemeint, das weniger auf universelle Solidarität als auf öffentliche Wahrnehmung abzielt. Man ist nicht per se solidarisch mit Frauen, die Opfer sexualisierter Gewalt sind, sondern nur, wenn es mit der eigenen Vorstellung politischer Ästhetik übereinstimmt.
Die Konsequenz politischer Kämpfe für soziale Gerechtigkeit auf Basis von Ästhetik ist die Spaltung marginalisierter Gruppen. Im Mittelpunkt steht nicht mehr das Ziel selbst, sondern die Optik des Prozesses dorthin. Die Idee von geteilten Werten wird verworfen.
Von dieser Spaltung profitieren Gruppen, die dem Ziel einer für marginalisierte Gruppen besseren Welt entschieden entgegentreten.
Solidarität auf Basis politischer Ästhetik ist, gerade in Anbetracht der Tatsache, dass die AfD zweitstärkste Partei ist, ein riesiges Problem. Daher müssen Solidaritätsbekundungen universelle Prinzipien wie Gerechtigkeit als Grundlage haben, denn die Ergebnisse werden schöner sein als jene der politischen Ästhetik.
von Jonathan Reti
Dieser Text erschien zuerst in der 4. EDA Ausgabe ( Chanukka Edition Dezember 2025).

