„Token“ nennt man ein Individuum, das zum Repräsentanten einer Gruppe auserkoren und zum Sprachrohr dieser gemacht wird. Im folgenden zu diskutierenden Beispiel passiert es bei Aussagen wie: „Ich als Jüdin kann versichern, xy ist kein Antisemit“ – Sprechortlogik. Diese Praxis unterliegt im Grunde selbst rassistischen Dynamiken, denn die Heterogenität einer oftmals marginalisierten Gruppe wird zugunsten der homogenisierenden Aussage eines Individuums ausradiert.
Es zählt schlicht das Identitätslabel. Die Musikerin Nura rappte dazu passenderweise im Song „Niemals Stress mit Bullen“: „Ich bin doch kein Rassist, ich habe einen schwarzen Freund“ – und wendete auf Instagram die gleiche Argumentation an, nachdem ihr Antisemitismus vorgeworfen wurde: Sie habe Storys von israelkritisierenden Juden repostet, das könne nicht antisemitisch sein. Dass es antisemitische Juden und Jüdinnen gab/gibt, so, wie Otto Weininger (1880-1903), Israel Shahak (1933-2001), und Norman Finkelstein (*1953), weiß sie wohl nicht. Weininger ist ein gutes Beispiel für selbsthassende Juden – und an dieser Stelle stimmt die Formulierung tatsächlich. Seine philosophisch-psychologischen Theorien widmeten sich der Systematisierung von Geschlecht – in dieser Binarität verortete er das Jüdische beim Weiblichen, was er beides ideologisch als minderwertig kategorisierte. Dies spiegelte sich auch in ihm selbst: Er war geborener Jude, konvertierte zum Protestantismus, suizidierte sich dennoch, weil er sich von dem jüdischen Teil seiner Identität nicht abspalten konnte.
Eine kompliziertere Einstufung muss bei Shahak erfolgen, einem Holocaustüberlebenden und israelischen Intellektuellen. Trotz seiner eigenen Erfahrungen schrieb er Bücher, die weit über „Israelkritik“ hinausgingen. Sein Anliegen, der Kampf gegen die Diskriminierung von Palästinenser*innen, war legitim. Doch suchte er im Judentum nach der Erklärung für eine israelische rassistische Staatspolitik. Hier machte er die Halacha und den Zionismus für die strukturellen Gräuel gegen die palästinensische Bevölkerung verantwortlich. Er (er)fand sogar satanische Anteile in jüdischen Riten. Shahaks wie auch Weiningers Schriften sind somit Inspirationen für geschlossen-antisemitische Weltbilder. Auch der US-Amerikaner Finkelstein gehört in diese Reihe. Denn für seine Kritik der israelischen Politik greift er systematisch zu unverhältnismäßigen NS-Vergleichen, die zu Täter-Opfer-Umkehr und Dämonisierung Israels führen. Auf Antisemitismuskritik diesbezüglich rechtfertigt er, dass er jüdischer Sohn von KZ-Überlebenden sei – Diskussion vorbei. Damit argumentiert er genauso wie die Rapperin Nura: Beide besinnen sich darauf, dass sie keine Antisemiten sein können, weil sie nur Sachen sagen, die von Jüdinnen*Juden kommen. Und ihrem Glauben nach würde Identität davor schützen, Diskriminierung reproduzieren zu können. Und wie hier bewiesen wurde: das stimmt nicht.
Deshalb müssen wir mehr darüber sprechen, wie Tokenism funktioniert, um Scheinargumente zu entlarven, die inhaltsleer sind. Oder hat Identität jemals davor geschützt, Ressentiments gegen andere Marginalisierte zu schüren?
von Evelyn Deller
Dieser Text erschien zuerst in der 4. EDA Ausgabe ( Chanukka Edition Dezember 2025).

