Intro des Jahrgangs 4

Liebe Leser*innen,

das Chanukkafest steht kurz bevor! Bald ist es wieder so weit, und wir werden die Lichter gegen die Dunkelheit entzünden – für uns, für unsere Lieben, für die ganze Welt. In Teilen Berlins und anderer Großstädte werden Chanukkiot unweit von Tannenbäumen stehen und das Stadtbild pluralistischer gestalten. 

Ach ja, das Stadtbild, ein Begriff, der sich in die Kontinuität jener Ausdrücke einreiht, die durch politische Äußerungen eine neue Bedeutung erhalten haben. Ich bin zwar kein Linguist, doch hinter Worten, wie zum Beispiel “Remigration”, verbirgt sich mehr als eine zufällige Wortwahl eines Politikers und mehr als nur eine Konnotation. Am 14. Oktober 2025 erklärte Kanzler Merz: „Bei der Migration sind wir sehr weit […] aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem, und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen.” Die ambivalente Art und Weise, mit der das Wort Stadtbild verwendet wurde und schließlich viral ging, hätte schon früher im Keim erstickt werden sollen. Stattdessen hatte sich der Schaden durch das Warten auf eine Richtigstellung bereits realisiert. Auch die nachträgliche Klarstellung, dass sich die Aussage auf Migranten ohne Aufenthaltsgenehmigung bezog, die nicht arbeiteten und sich nicht an die deutschen Regeln hielten, konnte keine Abhilfe mehr leisten. Die definierten Attribute treffen auf rund 25.000 Menschen zu, ganz im Vergleich zu den 25 Millionen, die migrantisch gelesen werden und mit dieser Aussage in Verdacht genommen wurden. 

Im Raum steht der Vorwurf des Dog Whistlings, also jener unterschwelligen Kommunikation, mit der gezielt Ressentiments angesprochen werden, um beispielsweise Wähler der AfD zu gewinnen. Es ist nicht das erste Mal, dass Merz sich im Jargon dieser “Opposition” kleidet. 

Nichtsdestoweniger wurde ich bestärkt in meinem Glauben an die emanzipierte Stimme junger Studierender, da sich vor allem jüdische Aktivist*innen nicht zurückgehalten haben. Die EUJS-Präsidentin, Hanna Veiler, prangerte in einem Instagram Post die unterschwellige Vieldeutigkeit in Merz’ Wortlaut und damit die gezielte Pauschalisierung aller Ausländer an. Was ist unsere Community, wenn nicht eine Einwanderungscommunity?

Es sind diese Aussagen, die Raum schaffen, um Ausgrenzung zu bestärken. Bedauerlicherweise stehen sie in einer Tradition, die sich besonders an Gedenktagen wie diesem 9. November alljährlich wiederholt. Ich beobachte das Phrasendreschen aus der Entfernung, denn ich habe für dieses Semester Berlin gegen Großbritannien getauscht und lerne Gleichzeitigkeiten, vor allem wenn es um die Fragilität unserer Sicherheit geht, kennen. Es sind ebenfalls rechte Personen, die in jüdischen Kreisen Stimmenfang betreiben. Synagogen werden angegriffen und man fragt sich, an welcher Hoffnung man sich festhalten soll, wenn man nach dem Erev Yom Kippur in einer herzenswarmen Community feststellt, dass wenige hundert Kilometer entfernt ein Terrorakt stattgefunden hat – eine Woche bevor wir den sechsten Jahrestag des Anschlags auf die Synagoge in Halle gedenken. 

An diesem Gedenktag bin ich dieses Jahr nach Hannover in die Villa Seligmann gereist. Die jüdische Kunst und Kultur wird gefördert. Ich frage mich, ob man, auch wenn ich keine Davidsternkette trage, die Falte, die ihr Gewicht auf meinem Körper zeichnet, sehen kann. Ich stelle meine Zugehörigkeit nicht infrage. Möchte nur auf die Last, der aktuellen Stimmung aufmerksam machen. 

Der Vorstand der JSUD wirkt auch nach der Freilassung der Geiseln als Bollwerk gegen jede Form des Antisemitismus und Antizionismus. Leider werden immer noch Hochschulen als Austragungsorte des Nahostkonflikts auf hiesigem Boden genutzt. Allen voran steht JSUD Präsident Ron Dekel, der pausenlos im Einsatz ist, als Stimme gegen Falschinformation verteilende Meinungsbildner*innen und über die Missstände in Politik und dem Hochschulraum aufmerksam macht. Ich wünsche mir, dass wir weniger um gesellschaftliches Gehör kämpfen müssten, und dass wir mehr über die schönen Seiten unserer Kultur berichten könnten. Wir hoffen auf Besserung, doch aktuell bewegt sich alles etwas in die entgegengesetzte Richtung. 

Ich wünsche Euch erleuchtenden Genuss beim Lesen der mittlerweile vierten Ausgabe.

 

  1. https://www.swr.de/kultur/gesellschaft/dog-whistling-erklaert-von-bernhard-poersken-100.html ↩︎

von Richard Ettinger, leitender EDARedakteur

dieser Text erschien zuerst in der 4. Ausgabe des EDA-Magazins im Dezember 2025.