wir versuchen die Friedenstaube zu reanimieren. Ein nicht ganz so leichtes Unterfangen, denn das aktuelle Weltgeschehen spricht keine versöhnliche Sprache. Wer sind wir, dass wir uns herausnehmen, das Wort zu ergreifen und den Dialog zu fordern? Ein paar ehrenamtliche Studierende, Aktivist*innen und Young Professionals, die sich wie jede*r andere auch fühlen – als Menschen. So zumindest die Theorie. Doch ich frage mich, was bleibt von diesem Zugehörigkeitsgedanken, wenn Ausgrenzung an Stelle der Gemeinschaft tritt?
Mein generalisierender Ton ist absichtlich gewählt, denn wenn ich mich auf einzelne Ereignisse beziehe, werden diese beim Erscheinen dieser Ausgabe vermutlich schon überholt sein. In einer Zeit, in der lebensentscheidende Fakten fluide sind und die Versprechen des Morgens von den News des Abends zu Unwahrheiten umgeschrieben werden, können wir nur vorsichtige Prognosen wagen.
Doch bevor Sie meinen, wir behalten den schwarzmalerischen Kanon bei, bleiben Sie dran, denn der Inhalt bietet jedem*r mit einem offenen Geist in seiner Mannigfaltigkeit une surprise. Lassen Sie mich einen Versuch wagen, Ihnen das Lesen dieses kunstvoll angefertigten Magazins nicht mit einem gänzlich bitteren Aperitif einzuleiten.
Wie hauchen wir der Friedenstaube wieder Leben ein? Neben unserem Bestreben, mit den Geschichten unserer individuellen Stimmen an einer vorurteilsfreieren Gesellschaft zu arbeiten, verstehen wir uns auch als Brückenbauer*innen. Diesen Monat hatte ich die Möglichkeit, eine Woche mit zehn Israelis, zehn Palästinenser*innen und 20 Deutschen unterschiedlichen Glaubens in der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg zu verbringen. Organisiert von der NGO Tech2Peace und Friedensaktivist*innen war das klare Ziel, das Othering abzubauen und über die Intersektionalität der Teilnehmenden ein Verständnis füreinander zu gewinnen. Eins kann ich Ihnen bestätigen: Die Brückenbauer*innen sind da und arbeiten fleißig an einer Perspektive.
Diese Ausgabe erscheint am Jahrestag des 11. Septembers, an dem sich das internationale Sicherheitsbedürfnis und das Verständnis von Terrorismus dauerhaft veränderten. In Erinnerung an den 7. Oktober, die 50 verbleibenden Geiseln, die täglichen Opfer auf beiden Seiten, den wachsenden Antisemitismus und die Islamophobie sollten wir einen Weg finden, zerrüttete Bündnisse zu kitten und neue Brücken zu schlagen.
Werte Leser*innen – es liegt an uns allen, Friedenstauben Leben einzuhauchen, sodass die Botschaft des Friedens auf getragenen Flügeln um die Welt geht.
Kasten zusätzlich:
Neben der Special Edition, die am 11.09.2025 in der Jüdischen Allgemeinen erschienen ist, wollen wir mit dieser volleren Ausgabe einen Fokus auf die zahlreichen Organisationen legen, die uns ihr Vertrauen geschenkt haben. Ohne ELES (Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk), Nevatim und vor allem der EUJS (European Union of Jewish Students) wären unser Writers Camp und diese Ausgabe nicht zu der pluralistischen Sammlung missrepräsentierter Stimmen, wie ihr sie hier lesen könnt, geworden. Als zweiten Punkt möchte ich mich bei den vielen internationalen Beitragenden bedanken, die unterstreichen, dass wir alle ähnliche Erfahrungen machen – prägend, zeichnend und manchmal traumatisierend und doch stärkend für eine gemeinsame, multireligiöse und multikulturelle Zukunft in Deutschland und auf der ganzen Welt.
von Richard Ettinger, Leitender Redakteur
Dieser Text erschien zuerst in der EDA III (September 2025).

